Epilog


Als der Zweite Weltkrieg vorüber ist, liegt Europa in Trümmern. Millionen von Menschen sind in den grauenhaften Kämpfen ums Leben gekommen, Millionen sind in den deutschen Konzentrationslagern bestialisch ermordet worden, Hunderttausende sind der Rache der Sieger zum Opfer gefallen, Hunderttausende werden noch in den Nachkriegsjahren in den Gefangenenlagern des Ostens oder an den Spätfolgen des Krieges sterben. 

Auch für unseren Ort hat der Krieg des Herrn Hitlers furchtbare Folgen. An die hundert junge Riedlingsdorfer und Riedlingsdorferinnen sind den Eroberungsplänen des nationalsozialistischen Verbrechers zum Opfer gefallen. Ganze Jahrgänge, ganze Familien sind zerstört worden. Viele, die gefallen sind,  glaubten für eine gute Sache zu kämpfen. Als sich nach dem Krieg das wahre Ausmaß der Verbrechen der Nazis zeigt,  werden sie von der Welt in einen Topf mit den verbrecherischen Schergen des Regimes geworfen. Dadurch tötet man sie ein zweites Mal. Natürlich kann nicht ausgeschlossen werden, daß sich einige von ihnen persönlich schuldig gemacht haben. Für die Mehrzahl gilt jedoch sicherlich, daß, obwohl sie auf der Seite gekämpft haben, von der die Aggression ausgegangen ist, sie unschuldig in dieses Völkermorden hineingeraten sind.    

Für unsere Ortschaft ist der Leidensweg mit der totalen militärischen Niederlage im Jahr 1945  nicht zu Ende. Sie gehört von nun an zu jenem Teil Österreichs, der von der Roten Armee besetzt ist. Die Sowjets bleiben bis 1955 im Land, in unseren Nachbarländern, die von Hitler in diesen Krieg hineingezogen worden sind, bleiben sie sogar bis Ende der achtziger Jahre unseres Jahrhunderts. Positiv ist zu berichten, daß aus der Asche und dem Blut des Zweiten Weltkrieges ein neues Österreich entstanden ist, an dessen Überlebensfähigkeit, zum Unterschied zu den Zwischenkriegsjahren, nun auch seine Bewohner glauben. 

Auch von unserer Familie hat dieser Krieg furchtbare Opfer gefordert. Über das Schicksal von Adolf Kaipel und Hans Bundschuh habe ich schon ausführlich berichtet. Ihr Tod stellt jedoch nur einen Teil jener Schicksalsschläge, die unsere Familie schwer getroffen haben. So stirbt 1943 bei einer Operation Maria Kaipel, die erste Frau meines Großvaters Samuel Kaipel. Mein Großvater muß mitten im Krieg erfahren, daß sein fünfjähriger Sohn über Nacht Halbwaise geworden ist. Er selbst hat zwar das Glück, daß er zu Kriegsende in englische Gefangenschaft gerät, trotzdem muß er sicherlich schreckliche Stunden der Ungewißheit durchleben, immer in Sorge um seine Eltern und um seinen kleinen Sohn, die sich im russisch besetzten Teil Österreichs aufhalten. 

Auch für seine spätere zweite Frau, meine Großmutter Hermine Kaipel, hat der Zweite Weltkrieg nur Leid gebracht. Sie ist, wie es damals üblich war, als Mädchen zum Arbeitsdienst nach Deutschland einberufen worden. Sie hat bei dieser Gelegenheit einen jungen Mann, Erich Hoffmann, kennengelernt. Die beiden haben geheiratet, doch nur wenige Wochen nach ihrer Heirat ist Erich Hoffmann im Mittelabschnitt der Ostfront im Frühjahr 1944 gefallen. Auch bei ihm ist das Schicksal gnädig gewesen, denn die gesamte Heeresgruppe Mitte ist nur wenige Wochen später  untergegangen. Die Sowjets haben für die Vernichtung dieser Heeresgruppe den Jahrestag des deutschen Angriffes, den 22.6., gewählt. In wenigen Tagen ist es ihnen gelungen drei Armeen mit  über 30 deutschen Divisionen zu zerschlagen. Dieser Verlust von über 400.000 Mann stellt eine noch größere Katastrophe wie die von Stalingrad dar und bricht dem deutschen Ostheer endgültig das Rückgrat.             

Mein Onkel Wilhelm Bundschuh wird als junger Bursch noch in den letzten Tagen des Krieges einberufen. Er überlebt wie durch ein Wunder die letzten Kämpfe an der Ostfront, mit einem Gewaltmarsch schlägt er sich in die Heimat durch und rettet sich so vor der drohenden russischen Gefangenschaft.

Ob es jemals möglich sein wird, die Gräber unserer gefallenen Verwandten zu besuchen, ist eher fraglich. Die Chancen sind bei Adolf zwar etwas besser, da er auf einem regulären Friedhof begraben worden ist, aber in fünfzig Jahren kann sich in Kupjansk sicherlich einiges verändert haben. Bei Hans ist es hingegen nahezu ausgeschlossen, daß jemals seine Grablage bestimmt werden kann. Vielleicht ist es aber dem Schwarzen Kreuz in einigen Jahren möglich, seine Arbeit in der in unseren Tagen von den Kroaten eroberten Stadt Knin aufzunehmen und das Schicksal der im 2.Weltkrieg dort getöteten deutschen Soldaten zu klären.   

Die Wunden dieses Krieges sind in Europa auch ein halbes Jahrhundert nach seinem Ende noch immer nicht verheilt. Verschließen wir daher nicht unsere Augen vor der Geschichte und ziehen wir aus ihr die richtigen Lehren. Trauern wir um unsere toten Verwandten, erkennen wir aber auch, daß sie einem Verbrecher, der ihnen Ehre und Wohlstand versprochen hat, auf den Leim gegangen sind. Seien wir wachsam, daß wir nicht, wenn sich die Zeiten einmal ändern sollten, den gleichen Fehler begehen. Mögen diese 'verlorenen Jahre' dieser Unglücksgeneration uns für alle Zukunft eine Mahnung sein, denn nur wenn wir aus der Geschichte die richtigen Lehren ziehen, sind Adolf  Kaipel, Hans Bundschuh, Hans Nicka, Erich Hoffmann und über 40 Millionen andere Menschen nicht umsonst gestorben.     

 
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