Vorwort


Es ist nun bereits über zehn Jahre her, daß mein Großvater Samuel Kaipel einen Brief aus Deutschland erhalten hat, in dem ein mittlerweile in die Jahre gekommener Mann Erinnerungen an seine Jugendzeit aufleben läßt. Er schreibt über ein Zusammentreffen mit Adolf Kaipel, dem Bruder meines Großvaters, während der Zeit des letzten großen Krieges in Europa. Adolf  ist damals mit seiner Division in den Heimatort von Walter Hirschberg, dem Schreiber des Briefes, verlegt worden und hat bei dessen Familie den Winter 1939/40 verbracht.

Mich hat dieser Brief sehr beeindruckt. Vorallem hat mich fasziniert, wie die Erinnerung an eine Freundschaft so viele Jahre überdauern kann. Mich hat aber auch das Schicksal der beteiligten Personen erschüttert (wie in der Abschrift des Briefes nachzulesen ist), die größtenteils dem Krieg zu Opfer gefallen sind. Da mir mein Großvater bereits als Kind viele Geschichten über diese Zeit erzählt hat, bin ich neugierig geworden und habe mich fortan für das Schicksal meines Großonkels Adolf Kaipel zu interessieren begonnen. Bei meinen Nachforschungen hat mir besonders die Bemerkung in Walter Hirschbergs Brief über das 'Hoch- und Deutschmeisterregiment' weitergeholfen. Es hat sich im Zuge der Recherche zwar herausgestellt, daß nicht Adolfs Regiment, das Infanterieregiment 131, sondern eine Schwestereinheit, das Infanterieregiment 134, das Erbe des legendären k.u.k. Infanterieregiments Nr. 4 'Hoch- und Deutschmeister' angetreten hat, trotzdem ist dieser Hinweis der Schlüssel zum Erfolg gewesen. 

Eine weitere Überraschung hat für mich bedeutet, daß auf  einem Foto, das von meinem Onkel Hans Bundschuh während des 2.Weltkriegs aufgenommen worden ist, ein Wegweiser mit der Nummer von Adolfs Infanterieregiment 131 zu sehen ist. Für mich ist nun klar gewesen, daß hier ein Zusammenhang besteht, und daß meine Verwandten, die beide im Krieg ihr Leben lassen mußten, in der gleichen Division gedient haben. Von diesen Erkenntnissen angestachelt, bin ich  aktiv geworden und habe in Bibliotheken nach einschlägiger Literatur geforscht. Ich habe Briefe an das Schwarze Kreuz und die Deutsche Kriegsgräberfürsorge geschrieben, um etwas über die Umstände des Todes meiner Verwandten zu erfahren. Der Höhepunkt meiner Forschungstätigkeit ist jedoch die Auswertung von ca. 300 Briefen aus den Jahren 1936 bis 1941 gewesen, die bei der Renovierung des Hauses meines Großvaters gefunden worden sind. Diese Dokumente bieten einen Einblick in die Gefühlswelt der Menschen und können mehr von der damaligen Stimmung übermitteln als 100 Bücher über diese Zeit. Wenn man diese Briefe liest, lernt man die Alltagssorgen der Soldaten und vorallem der Menschen zu Hause kennen. Es hat mich auch fasziniert, wie sich diese Briefe in das historische Bild einreihen, das von den Fakten aus den Büchern vorgegeben wird. 

Leider sind Briefe und Dokumente hauptsächlich aus der Zeit bis Ende 1940 erhalten geblieben, ich bin daher in den ersten Kapiteln dem Prinzip gefolgt, zuerst den historischen Rahmen der Ereignisse zu schildern und dann die Briefe 'sprechen' zu lassen. Aus der Zeit des schrecklichen Rußlandfeldzuges sind leider nur wenige Dokumente erhalten, da aber dieses Völkerringen das Schicksal meiner Verwandten bedeutend beeinflußt hat, habe ich in diesem Teil meiner Aufzeichnungen vermehrt die einschlägigen Militärbücher zitiert, die diesen historischen Abschnitt behandeln. Glücklicherweise sind jedoch auch über hundert Fotos meines Onkels Hans Bundschuh in meinen Besitz gelangt, auf denen er die erste Phase des Feldzuges gegen die Sowjetunion bis Ende 1941 fotografisch dokumentiert hat. Auf diese Weise ist es mir doch gelungen, den Schilderungen eine persönliche Note zu geben. 

Die Nachforschungen haben aber auch einige Erkenntnisse über die damaligen politischen Verhältnisse und die Einstellung der Menschen aus meiner Ortschaft und speziell meiner Verwandten zum Nationalsozialismus gebracht, die mich heute besonders schmerzen. Sowohl Adolf als auch Hans fühlten sich zum Nationalsozialismus hingezogen. Adolf ist sogar in der Zeit vor dem Krieg an der Errichtung einer nationalsozialistischen Untergrundzelle beteiligt gewesen, und hat dafür ebenso wie mein Großvater, Samuel Kaipel, 1936 einige Monate im Gefängnis verbracht. Der Lebensirrtum, dem diese verlorene Generation erlegen ist, kann mit wenigen Sätzen aus einem Brief, den Adolfs bester Freund, Hans Nicka, an ihn geschrieben hat, auf den Punkt gebracht werden:

"Lieber Adolf, hoffentlich können wir unsere Zukunft glücklich vollenden und uns und der kommenden Generation eine blühende Zukunft schaffen. Wir halten immer fest und treu zusammen und folgen unserem Führer auf Leben und Tod."

Diese Sätze drücken meiner Meinung nach die Hoffnungen all jener Menschen aus, die dem Rattenfänger Hitler gefolgt sind und deren Vertrauen dieser Verbrecher so schamlos mißbraucht hat. In Anbetracht der Geschehnisse des 2.Weltkriegs und der Schilderung von Zeitzeugen über das Wesen meines Großonkels gehe ich von der Annahme aus, daß er und Hans Bundschuh nichts Unrechtes in diesen furchtbaren Jahren getan haben. Sie sind Opfer der Geister geworden, die sie selbst gerufen haben. 

Hoffnung habe ich geschöpft, als ich aus den Briefen eine unendliche Sehnsucht nach Frieden herauslesen konnte. Auch ist den Dokumenten zu entnehmen, daß die Begeisterung und die Überzeugung das Richtige zu machen mit der Fortdauer des Krieges rasch abgenommen hat. Vielleicht ist es ihnen in den letzten Wochen und Monaten ihres Lebens doch noch klar geworden, daß sie sich auf dem falschen Weg befinden. 

Ich habe mit dieser Arbeit einerseits erreichen wollen, daß das Schicksal von Männern wie Adolf Kaipel und Hans Bundschuh nicht gänzlich im Grau der Geschichte verblaßt. Ich habe aber andererseits auch versucht, eine Antwort auf jene Frage zu finden, die mich tagtäglich quält "Wie konnte das nur passieren?". Ich bin der Meinung, daß man die Zukunft nur dann meistern kann, wenn man die Vergangenheit bewältigt hat, denn wie soll man wissen, wohin man geht, wenn man nicht weiß woher man kommt. Die folgenden Seiten sind daher auch der Versuch die Grundlagen meines eigenen Lebens zu erforschen. 

Heinz Bundschuh                                                                           Wien, im Oktober 1995 
 
 

 VORWORT  ZUR  ZWEITEN ERWEITERTEN  AUSGABE

Es ist schon wieder fast ein Jahr vergangen, seit ich die Arbeiten zu meiner Dokumentation ‘Verlorene Jahre’ abgeschlossen habe. In diesen beinahe zwölf Monaten ist einiges geschehen, so wurde meine Arbeit nicht nur vom engsten Familienkreis sondern auch von einigen Personen gelesen, die Adolf Kaipel und Hans Bundschuh nicht gekannt haben. Die durchwegs positive Kritik hat gezeigt, daß ‘Verlorene Jahre’ auch für Menschen interessant ist, die nicht unbedingt in einem Naheverhältnis zu den beiden Weltkriegsteilnehmern stehen. Die Begründung mag darin zu suchen sein, daß beinahe jeder einen Onkel, Vater oder Großvater hat, der ein ähnliches Schicksal in dieser schweren Zeit zu ertragen hatte.

Ganz besonders hat mich gefreut, daß sich kurz vor Weihnachten Herr Walter Hirschberg wieder bei meiner Familie gemeldet hat. Ich hatte nämlich schon befürchtet, daß der Kontakt zu ihm wieder abgerissen ist, da in den letzten Jahren einige Briefe von mir mit dem Vermerk ‘Empfänger nach unbekannt verzogen’ zurückgekommen sind. Auch Herr Hirschberg hat sich in den letzten Jahren weiter für das Schicksal seines Freundes Adolf Kaipel interessiert und seine  Nachforschungen bei der Kriegsgräberfürsorge haben die gleichen Informationen ergeben wie bei meiner Anfrage. Es war mir natürlich eine Ehre ihm ein Exemplar meiner Dokumentation zu übergeben. Besonders gerührt war er über die Briefe seiner Mutter an unsere Familie, die ich ihm im Original überlassen habe, denn es sind dies die einzigen persönlichen Erinnerungsstücke an seine Mutter, alles andere ist in den Wirren dieses schrecklichen Krieges verlorengegangen. Seine Dankesantwort war für mich der rechte Lohn für die Mühen meiner Arbeit:
„‘Verlorene Jahre’ -  eine großartige Idee, ein eindrucksvoller und würdiger Nachruf, eine enorme Fleißarbeit und eine Nachdenklichkeit und Erinnern (wie war es damals wirklich ?!) auslösende Dokumentation. Dazu meine Gratulation und herzlichen Dank für das mir zugedachte Exemplar. .. Ihr W.Hirschberg“ 

Die Worte von Walter Hirschberg und die Tatsache, daß durch das Bekanntwerden meiner Arbeit neues Material aufgetaucht ist, haben mich dazu bewogen, diese neuen Unterlagen in einer zweiten Ausgabe zu verarbeiten. Ich möchte mich bei dieser Gelegenheit besonders bei Familie Halwachs bedanken, die mir zahlreiche Briefe von Adolf aus der Zeit des Rußlandfeldzuges zur Verfügung gestellt hat. Damit ist es nun möglich, auch die Kapitel über den Rußlandfeldzug mit Adolfs persönlichen Schilderungen zu ergänzen. 

Ich selbst habe bei der Durchsicht meiner Unterlagen noch zwei interessante Dokumente entdeckt, die ich bei meiner früheren Recherchetätigkeit übersehen habe. Es ist dies eines jener deutschen Flugblätter, die deutsche Flugzeuge im September 1939 über den polnischen Stellungen abgeworfen hatten und mit denen die schwer bedrängten polnischen Einheiten zur Kapitulation aufgefordert wurden. Das zweite Dokument ist ein Mahnschreiben des SA-Sturms Pinkafeld an meinen Großvater Samuel Kaipel, in dem er aufgefordert wird, endlich den Pflichten eines SA-Mannes nachzukommen und bei diversen Versammlungen zu erscheinen. In mir schürt dieses Schreiben die Hoffnung, daß vielleicht doch viele Menschen noch rechtzeitig erkannt haben, daß der Nationalsozialismus im Alltag nicht das gehalten hat, was er seinen Anhängern vor 1938 versprochen hat.

Heinz Bundschuh                                                                           Wien, im Oktober 1996 
 

 
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