Der Winter 1941/42 -
Die Rote Armee schlägt zurück
Diese Internetseite zitiert eine Reihe von Briefen von Personen, die zum Zeitpunkt der Erstellung dieser Schreiben noch nicht unser heutiges Wissen über die grausamen Konsequenzen des Nationalsozialismus und des 2.Weltkrieges gehabt haben. Wenn man diese Briefe liest, sollte man diesen Umstand berücksichtigen. Der Leser sollte vielmehr versuchen, aus den Briefen die Stimmung, die Ängste und die Hoffnung der Menschen abzuleiten. Dadurch wird es ihm vermutlich leichter möglich sein zu verstehen, was die Menschen in dieser so furchtbaren und für uns so fernen Zeit empfunden haben.
Sollten die Briefe an manchen Stellen nationalsozialistische Ideen oder den Krieg verherrlichen, dann ersuche ich den Leser dies aus Gründen der Authenzität der Briefe zu akzeptieren. Solche Textstellen spiegeln jedoch nicht den Geist dieser Internetseiten wieder, ganz im Gegenteil, das Ziel dieser Dokumentation ist den Leser darauf hinzuweisen, wie wertvoll Friede und Völkerverständigung sind und welche furchtbaren Konsequenzen Krieg und Völkerhaß haben. 
Der Winter 1941/42 - Die Rote Armee schlägt zurück

Der deutsche Fahrplan für den Rußlandfeldzug ist durch den vorangegangenen Balkankrieg und die Kesselschlacht in der Ukraine gehörig durcheinandergeraten. Mitte Oktober 1941 fällt bereits an einigen Stellen der Front der erste Schnee, dieses Zeichen an der Wand bleibt aber ohne Wirkung bei der deutschen Heeresleitung. Bei der Heeresgruppe Mitte ist gerade die entscheidende Angriffsoperation auf Moskau im Gange, die in den ersten Wochen sehr vielversprechend verläuft, als in einer weiteren Kesselschlacht ein ähnlich großer Erfolg wie in Kiew errungen wird. Die Spitzen dieser Heeresgruppe gelangen sogar bis in die Vororte von Moskau, so erreicht ein Stoßtrupp einer Panzerdivision die Bushaltestellen der Moskauer Vorortelinien, aber dann schlagen die Rote Armee und der russische Winter zurück.

Anfang Dezember fällt an manchen Stellen der Front das Thermometer auf minus 40 Grad Celsius. Die Wehrmacht ist auf diese Temperaturen nicht vorbereitet, es rächt sich die Sorglosigkeit des deutschen Oberkommandos. Die leichtsinnige Führung hat geglaubt, daß man den Feldzug in wenigen Wochen entscheiden kann, daß er bis in den Winter dauert, darauf ist man nicht vorbereitet. Der einfache Soldat, der nun skandalös ausgerüstet im Feld steht, muß für diese Führungsfehler teuer bezahlen. Tausende erleiden irreparable Frostschäden.

Diese Situation nützt die Rote Armee natürlich aus. Nachdem man durch Spione erfahren hat, daß sich Japan aus dem Krieg heraushalten wird, kann man Sibirien militärisch entblößen und die freigewordenen sibirischen Elitedivisionen an die Front vor Moskau werfen. Die Sibirier sind wie geschaffen für den Kampf im Winter. Sie sind einerseits gut ausgerüstet und andererseits diese Bedingungen gewohnt. Ihre Gegenangriffe drängen die deutsche Frontlinie immer mehr nach Westen zurück. 

Folgender Bericht aus der Geschichte des Panzergrenadierregimentes 12, das zur 4.Panzerdivision gehört und im Rahmen der 2.Panzerarmee (Anmerkung: Panzergruppen werden nun als Panzerarmeen bezeichnet) des Generalobersten Guderians den Angriff auf Moskau mitmacht, zeigt, wie schwerwiegend die Folgen des russischen Winters für die deutschen Soldaten sind:   

"In der Nacht zum 4.12.41 sinkt die Temperatur bei aufklarendem Himmel auf minus 28 Grad. In den automatischen Waffen stockt das Schmieröl und verursacht Ladehemmungen. Um ihre Gängigkeit zu erhalten, werden sie neben dem überheizten Ofen abgestellt. Die Motoren laufen fast ohne Unterbrechung. Die notwendige Maßnahme kostet viel Sprit und verschärft die Versorgungslage.
...
Auch tagsüber bleibt das Thermometer unter 30 Grad. Unsere frierenden Landser werfen ein begehrliches Auge auf die wattierten Jacken, Hosen und Walinkis der Sibirier. Die nervlich Robusteren beschaffen sich die lebenserhaltende Schutzkleidung bei den gefallenen Feindsoldaten. Was hier geschieht ist ein Akt der Selbsterhaltung."

Harte Worte sind auch in der Divisionsgeschichte der 6.Infanteriedivision nachzulesen, die ebenfalls als Bestandteil der Heeresgruppe Mitte vor Moskau kämpft: 

"Die Truppe, seit einer Woche in einem Frostwetter von 30 bis 40 Grad unter Null marschierend und kämpfend, fing an, den ungeheuerlichen Anforderungen - am 25.12. brachen auf einem Marsch 5 Mann der Aufklärungsabteilung 6 ohnmächtig zusammen - nicht mehr in der gewohnten Weise standzuhalten. Restlos ausgepumpt, fast erstarrt und übermüdet, meist nur kalt und ungenügend verpflegt, stand sie ohne Winterbekleidung, bei bitterster, beinahe sibirischer Kälte in ihren abgeschabten, fadenscheinigen Uniformen, das Schuhzeug schadhaft, notdürftig durch ihre dünnen Mäntelchen geschützt, - im eisigen, schneidenden Schneetreiben, ohne Graben, ohne Unterstand und ohne schützende Hindernisse einem zahlenmäßig weit überlegenen Gegner gegenüber. Dieser, für den Winterkrieg bestens mit wattierter Bekleidung, Filzstiefel und Schneehemden ausgerüstet, griff ständig in Scharen an."     
 

Generaloberst Guderian befiehlt in dieser Situation seinen Soldaten entgegen den Weisungen aus dem Hauptquartier den Rückzug. Dies kostet dem General zwar seinen Posten, rettet aber vielen seiner Männer das Leben. Wie der 2.Panzerarmee so ergeht es auch allen anderen Armeen der Heeresgruppe Mitte und in abgeschwächter Form auch den beiden anderen Heeresgruppen. So endet bei der Heeresgruppe Nord ein Vorstoß eines Panzerkorps auf die Stadt Tichwin in einer Katastrophe und bei der Heeresgruppe Süd muß das bereits eingenommene Rostow wieder aufgegeben und die Front hinter den Mius zurückgenommen werden.   

Auch bei der 44.ID ist der Traum von warmen Winterquartieren rasch ausgeträumt. Anfang Dezember 1941 wird die Division aus den Unterkünften geholt und im Fußmarsch südöstlich von Charkow in den Raum Balakleja verlegt. Auch in diesem Abschnitt versucht die Rote Armee offensiv zu werden. Zum Glück handelt es sich im Dezember 1941 nur um lokale Unternehmen, so daß die Soldaten der Division ein relativ ruhiges Weihnachts- und Neujahrsfest feiern können. Bis Mitte Jänner bleibt somit die Kälte mit bis zu 30 Grad unter Null der ärgste Feind. Am 18.1.42   überschlagen sich aber auch in diesem Frontabschnitt die Ereignisse. Beim südlichen Nachbarn der 44.ID greifen die Russen massiert an und erzielen einen tiefen Einbruch in der Front. Um die Nachbardivision zu entlasten, erhält Adolfs Regiment 131 den Befehl nach Süden anzugreifen, um den Feind in die Flanke zu fallen. Der folgende Bericht schildert den Verlauf des Entlastungsangriffes des IR 131:

"Das II. und III.Bataillon stellten sich noch in der Nacht bereit. Das I.Bataillon sollte zur Sicherung der rechten Flanke auf das Südufer des Donez über Peski-Bairak auf das südostwärts davon am Donez gelegene Dorf Krassnaja Gussarowka zugehen und dort weitere Befehle abwarten. Die 1.(Reiter-)Schwadron der AA44 (Oblt. v.H.) wurde dem Bataillon unterstellt, ebenso ein Funktrupp des Regimentnachrichtenzuges. 

Oblt. v.H., der Krassnaja Gussarowka feindfrei meldete, setzte sich mit seiner Schwadron nach dort in Marsch. Das I.Bataillon erreichte den Ort bei einbrechender Dunkelheit und igelte sich ein. Nachts riß ein Funkspruch des Regiments das Bataillon aus dem Schlaf; es erhielt den Befehl, Schtschurowka, das nächstgelegene Dorf donezabwärts (etwa auf halben Weg auf Ssawinzy) vom Feind zu säubern und unter allen Umständen zu halten. In stockfinsterer Nacht schob sich das Bataillon so nahe wie möglich an das Dorf heran, um beim ersten Tageslicht überraschend einzubrechen. Die Männer produzierten aus Bettlaken und Unterwäsche primitive Schneehemden, die vorzüglich tarnten. Als es im Osten dämmerte, griff die 1.Kompanie (unter Führung von Hauptfeldwebel H.) von Westen her an. In aller Eile trat nun auch die Masse des Bataillons an.

Sie sollte durch die 4.Kompanie Unterstützung erhalten, die aus überhöhter Stellung den gesamten Dorfrand bestreichen konnte. In der beißenden Kälte waren jedoch alle sMG eingefroren und auch die Wurfgranaten versagten, so daß der Angriff bald im Abwehrfeuer der Russen liegen blieb. Die Ausfälle häuften sich. In dem erbitterten Kampf war Hauptfeldwebel H. gefallen. Fahnenjunker-Feldwebel F. führt nun die Kompanie, die im Gegenstoß schließlich bis zum Dorfrand zurückweichen mußte. Inzwischen waren jedoch Oblt. B. und Lt. B. mit ihren Kompanien bis dahin vorgedrungen; ihnen folgten die Teile der 4. Kompanie (unter Oblt. G.), während die Reiterschwadron (unter Oblt. H.) mit einigen sMG der 4.Kompanie. den Hügel sicherte. Der tapfere Assistenzarzt Dr. S., der unter Mißachtung seiner Person im Schlitten den Hügel herunter fuhr, konnte viele Verwundete bergen.

Das Bataillon richtete sich nun in der erreichten Position zur Verteidigung ein."

Die große Lage verschlechtert sich jedoch von Stunde zu Stunde. Die russischen Angriffstruppen überrennen weiter im Süden die Infanteriedivisionen 298, 9 und 257. Die 44.ID und besonders ihr südlichstes Regiment, das IR 131, befinden sich plötzlich am Rande eines riesigen russischen Fronteinbruches. Das Halten der Stellung ist somit nicht nur für die Division sondern für die gesamte Front der Heeresgruppe Süd von strategischer Bedeutung. Wie der folgende Bericht zeigt, verstärkt sich von Tag zu Tag der sowjetische Druck auf die Stellungen des  IR131:

"Am 19.1. traf als neuer Regimentskommandeur Oberstleutnant Poppinga ein. Ein auf dem linken Flügel IR 131 unter Einsatz feindlicher Panzer angesetzter Angriff wurde am 21. abgewiesen. Am 22. erfolgten starke Panzervorstöße auf die Stellung des IR 131 am Stadtrand Balakleja. Im Süden griff der Russe Bairak an und stieß von Melowaja auf Lagerij vor. Am 23. wiederholte und verstärkte der Gegner seinen Druck besonders im Südwesten auf Lagerij, wo der Troß I./IR 131 sowie die 1./AR 96 in Verteidigung standen. Es gelang, in den Westteil des Ortes einzudringen sowie einzelnen Feindpanzern, von Balakleja-Ost nach Balakleja-Mitte durchzubrechen. Nachdem ihre Infanterie infolge des Abwehrfeuers nicht folgen konnte, zogen sich die Russen wieder zurück.

Am 24. griff der Feind erneut an der ganzen Front des Regimentes 131 an und setzte erstmals in diesem Abschnitt 'Stalinorgeln' ein. Von Lagerij brachen die Russen zur Bahnlinie durch, womit sie die einzige rückwärtige Verbindungslinie des Regiments nach Werbowka bedrohten. Panzerjäger sollten ihren Ansturm abfangen. Das IR 131 setzte selbst Troßsoldaten und Feldköche ein, um ein einsickern von der Bahnlinie nach Balakleja-West zu verhindern. Am Nachmittag endlich flogen Stuka gegen den angreifenden Gegner in Balakleja-Ost sowie gegen seine Bereitstellungen. Dieser Einsatz brachte den hart bedrängten Einheiten Luft. Am 25. ließen die feindlichen Angriffe  nach. Es gelang dem I./IR 131 zusammen mit dem II. und III./IR 132, den Gegner aus Lagerij zu werfen und die eigene Front bis in den Wald westlich des Ortes zu verlängern. Die Division brachte währenddessen im Wald südlich Andrejewka am Donez Alarmeinheiten und zugeführte Verstärkungen zum Einsatz."

Die Heftigkeit der Angriffe in den nächsten Wochen erfordert, daß die Division und die 6.Armee jede entbehrliche Einheit zur Verstärkung nach Balakleja schicken. Bald kämpft dort eine halbe Division unter dem Kommando des Regimentskommandeurs Poppinga. Die erfolgreichen Abwehrkämpfe werden mit mehrfachen Nennungen im Wehrmachtsbericht und in einem Zeitungsartikel des Feldnachrichtenblattes 'Ostfront' gewürdigt (siehe Dokument 384). Die Kommandeure der Regimenter 131 und 132 erhalten stellvertretend für die Leistung ihrer Männer das Ritterkreuz verliehen.

Der nächste Bericht aus der Divisionsgeschichte schildert der Kompanieführer der 7./IR 131 die Kämpfe seiner Einheit Ende März 1942. Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist auch hier anzunehmen, daß Adolf persönlich beteiligt ist:

"Mit dem 20.März erhielt ich den Befehl, mit meiner Kompanie südlich Prischib in Stellung zu gehen. Der Russe, der im Raum Ssawinzy-Isjum über dem Donez eingebrochen war, schleuste besonders viele Kräfte durch diesen Schlauch in den sich ausdehnenden Kessel südlich Charkow hinein. Da der Donez noch zugefroren war und die Gefahr bestand, daß sich der Kessel auch gegen Norden hin ausdehnen könnte, wurde die HKL (Anmerkung: Hauptkampflinie) von Balakleja aus nach Südwesten verstärkt, d.h. sie verlängerte sich in den Flußwäldern des Donez nach Westen. Dieser sogenannte 'Wustwald' wurde vom I.Bataillon gesichert.
Am 20.März 1942 führte ich meine Kompanie in den neuen Verteidigungsraum hinein. Wir fanden dort zum Teil noch gute Bunkerstellungen des Russen vor, die dieser gegen Westen zur Verteidigung eingerichtet hatte. Niemand ahnte damals, daß diese Stellungen einmal auch uns sehr dienlich sein würden. Zur Unterstützung erhielt ich eine Batterie unseres Artillerieregimentes mit Feuerstellung in Prischib, der Beobachtungsoffizier, Lt. H., in meiner Nähe war. Pioniere des Regimentes 131 verminten eine Schlucht, die als Naht zu unserem Nachbarn diente. Auch im Vorfeld, d.h. auch auf der Eisdecke des Donez, wurden Minensperren gelegt. Bereits am 4. Tag unseres Dortseins, wir waren noch mit Stellungsarbeiten beschäftigt, da wir noch im Schnee und im Wald kampieren mußten, griff der Russe am 24.3. morgens gegen 08.00 Uhr mit ca. 3 Kompanien an. Es war ihm schon gelungen, in unsere südlichste Waldspitze einzudringen und sich festzusetzen. Ein weiterer Angriff drang sogar in die Bachschlucht vor und lag vor unserem äußersten rechten Bunker ('Rotkäppchen') fest, der als erster fertiggeworden war und zwei Gruppen beherbergte. Nach wirksamen Artilleriebeschuß auf die Ausgangsstellungen der Russen unternahm Oberfeldwebel N. von sich aus einen Gegenstoß von seinem provisorischen Bunker ('Rumpelstilzchen') und brachte 25 Gefangene ein. Nach Einbruch der Dunkelheit zog sich der Gegner aus der Schlucht zurück.

Im Verlauf der nächsten Tage wurden wir beim Ausbau unserer Stellungen immer wieder von russischen Spähtrupps und russischen Granatwerferfeuer behindert, doch konnten wir nach acht Tagen unseren Bunker- und Stellungsbau erfolgreich beenden und hatten dann eine ideale Verteidigungsstellung.

Mit unbeschreiblicher Urgewalt brach dann im April der russische Frühling ins Land. Die Sonne schien vom stahlblauen Himmel und die Natur erwachte mit hinreißender Macht. Der Schnee schmolz rapid, der herrliche sandige Waldboden schluckte das ganze Wasser weg. Die gewaltige Eisdecke des Donez brach, und mit tosendem Krachen und Poltern führte der mächtige Fluß sein Treibeis abwärts."      
 

Dokumentart: Brief
Absender: Adolf Kaipel
Absendedatum: 22.12.1941
Absendeort: Im Felde
Empfänger: Familie Halwachs
Empfangsort: Pinkafeld

Meine liebe Schwester!
Habe vielen Dank für das Weihnachtspaket, das guterhalten bei mir eingetroffen ist. Tränen würden mir kommen, bei dem schönen mit Liebe zurechtgemachten Paket, wäre die Lage in der wir uns befinden nicht noch härter. Dauernd Tag für Tag mußten wir uns auf das Schlimmste, das einem im Krieg bevorsteht, vorbereiten. Am fürchterlichsten ist die Nacht vor der es uns schon immer graut.
Wie diese Weihnachten sein werden, weiß nur Gott.
Die Russen haben vor einigen Tagen unseren Troß überfallen. Alles ist jetzt weg, nur die Wäsche, die wir anhatten, ist uns geblieben. 
Unser Hoffen und Flehen steht nun bei Gott, daß er uns bald den Frieden schenke. 
Nochmals vielen Dank, Dir, liebe Schwester, und meinen kleinen Nichten auf ein baldiges frohes  Wiedersehen im Jahr 1942.
Mit herzlichen Grüßen       
Dein Bruder Adolf     
 

Dokumentart: Brief
Absender: Adolf Kaipel
Absendedatum: 6.1.1942
Absendeort: Im Felde
Empfänger: Familie Halwachs
Empfangsort: Pinkafeld

Meine liebe Schwester!
Gleich noch einige Zeilen bevor ich schlafen gehe. Dein liebes Paket erhielt ich in größter Ordnung und er paßt ausgezeichnet. Nur, liebe Schwester, für diese Kälte ist er noch zu wenig und außerdem ließ ich mir schon von einer Russin einen machen. Wir haben jetzt 40 Grad unter Null, es ist fast nicht mehr auszuhalten.
Die Gedanken an einen Urlaub lassen wir schwinden, hier an der Front ist von einer Ablöse keine Rede.
Vielen Dank, liebe Schwester, und einen herzlichen Gruß an alle   
 Euer Adolf  

Liebes Brieflein flieg weiter, 
nimm den Gruß mit den Kuß,
und ich kann Dich nicht begleiten,
weil ich hier bleiben muß.
Adolf  
 

Dokumentart: Brief
Absender: Adolf Kaipel
Absendedatum: 15.1.1942
Absendeort: Im Felde
Empfänger: Familie Halwachs
Empfangsort: Pinkafeld

Meine liebe Schwester!
Wie oft und noch dazu jetzt, wo man sich gern auf ein Wiedersehen freut, denke ich an Euch und daran wie schön es sein könnte, wenn Frieden auf Erden wäre. Deinen Brief vom 25. erhielt ich mit großer Freude. Auch ich bin noch gesund, was ich auch von Euch hoffe.
Bei uns dauert die Kälte an und auch die Läuse plagen uns nach wie vor. Glaube mir, liebe Schwester, alles ist betrübt. Wenn es doch einmal nur Urlaub gäbe. So werden Stunden manchmal zu Tagen und Wochen und wenn nach sieben Wochen einmal eine Antwort von zu Hause kommt, dann weiß man erst recht nicht, wie die Zeit verging. Die Wege, auf die uns diesmal der Führer geschickt hat, sind schwer. 
Und solltest Du ein Damenrad für Mitzerl irgendwo auftreiben können, so schreib mit, das kaufe ich ihr, damit sie öfters ihre Riedlingsdorfer Großmutter besuchen kann. 
So muß ich meine Zeilen wieder beenden, hoffentlich besuchen uns diese Nacht nicht die Russen.
Seid vielmals gegrüßt
Euer Adolf
 

Dokumentart: Brief
Absender: Adolf Kaipel
Absendedatum: 18.1.1942
Absendeort: Im Felde
Empfänger: Familie Halwachs
Empfangsort: Pinkafeld

Meine liebe Schwester!
Deinen lieben Brief vom 15.12. habe ich mit großer Freude erhalten. Bin soweit immer noch gesund, will auch das Gleiche von Euch erhoffen. Manchmal sinkt auch bei uns die Temperatur auf -40 Grad. Es ist fast nicht zum Aushalten. Was so ein Kampf im Winter heißt, kann man keinem Mensch der Heimat beschreiben.
Am Heiligen Abend habe ich von zu Hause ein Paket bekommen, das ich leider nicht unter dem Weihnachtsbaum sondern in einem Unterstand öffnen mußte. Die Russen schossen wie verrückt, die haben ihre sibirischen Truppen eingesetzt. Wollen hoffen, diesen harten Winter glücklich zu überstehen, dann werden uns doch auch einmal nach langem harten Kampf die Rosen blühen.
Jetzt warte ich schon wieder hart auf ein Packerl. Die Mutter soll mit dem Geld machen, wie sie es für richtig hält. Sie soll ja nicht auf ihre Zähne vergessen, denn sonst bin ich böse. Kann sie das Geld nirgends anlegen, so soll sie es in die Kassa geben, aber am besten ist, sie wartet noch damit, denn bis zum Frühjahr müßte ich doch im Urlaub sein. Wenn mich bis dahin das Schicksal bewahrt, dann werden wir uns ja sehen.
Und zum Schluß herzliche Grüße von der Front
Euer Adolf     
 

Dokumentart: Brief
Absender: Adolf Kaipel
Absendedatum: 22.3.1942
Absendeort: Im Felde
Empfänger: Familie Halwachs
Empfangsort: Pinkafeld

Liebe Schwester!
Mit vielen Freuden erhielt ich heute Deinen Brief mit Zigaretten und vier Packerl mit Zuckerl. Ich verlange freilich nicht, liebe Schwester, daß Du Dich so einsetzt. Ich habe großes Verständnis, daß es hart ist, etwas aufzutreiben und ich bitte Dich solcherlei Geschenke zu unterlassen, das doch den Kindern gehört. Übrigens lasse ich schon lange das Naschen. Ich bin ein bescheidener Raucher geworden. Mutter schickte mir bis jetzt noch jede Woche 25 Sport oder ..., das sind meine Lieblingszigaretten und ich komme damit gut aus.
Also, liebe Schwester, denk mit solchen Gedanken lieber an Hilderl und Mitzerl. Wir sind hier an der Front doch schon rauhe und alte Gesellen geworden.
Jetzt kommt schon Ende März und wir haben hier immer noch eine Kälte von 34 Grad. Jedoch sind wir schon so abgehärtet, daß sie uns nicht mehr viel anhaben kann. Die Russen haben sich an unseren Stellungen ihren Globus saftig angerannt, so daß sie jetzt sehr selten es wagen werden, unsere Ruhe zu stören. 
Sonst bin ich soweit gesund, hoffe auch dasselbe Glück von Euch. Ein schönes Sprichwort, das unser Gemüt trotz allem nicht sinken läßt, heißt: "Kummer heißt trotzdem lachen". 
Nun schließe ich mit vielen Dank und herzlichen Grüßen.
Gott schütze tausendmal   
Euer Adolf
 

Dokumentart: Zeitungsartikel
Absender: Berliner Zeitung
Absendedatum: 15.2.1942

Wiener Division schlug 142 Angriffe zurück. 
Der Sowjetplan eines Durchstoßes nach Charkow zunichtegemacht.

Berlin, 15. Februar

In heldenmütigen Einsatz haben Truppen einer Wiener Division während der vergangenen vier Wochen im Raum südostwärts von Charkow heftigste bolschewistische Angriffe zurückgeschlagen. Gegen die Stellungen dieser Division rannten zwischen dem 16.Januar und 7.Februar die Verbände von sechs bolschewistischen Schützendivisionen, zwei Panzerbrigaden und mehreren Schieinheiten in insgesamt 142 Angriffen immer wieder an, ohne daß es diesen gelang, einen tiefen Einbruch in die Stellungen der Division zu erreichen. In eisiger Kälte, bei schneidendem Ostwind und Schneeverwehungen bis zu 2 Meter Höhe haben die Wiener ihre Stellungen gehalten und damit den bolschewistischen Plan, durch den schonungslosen Masseneinsatz von Infanterie, Panzerkampfwagen und Artillerie nach Charkow durchzustoßen, zunichte gemacht.
Dort, wo es im Verlauf der Kämpfe einzelnen bolschewistischen Abteilungen infolge örtlicher zahlenmäßiger Überlegenheit gelang, in die deutschen Stellungen einzudringen, wurden sie in wirkungsvollen Gegenstößen niedergeworfen. Die blutigen Verluste, die die Bolschewisten durch das unerbittliche Aushalten der deutschen Soldaten erlitten, sind außerordentlich hoch. Bisher wurden vor dem Divisionsgefechtsstand über 6600 gefallene Bolschewisten gezählt. Die Ausfälle des Feindes an Verwundeten waren gleichfalls außerordentlich hoch. Außerdem machte die Wiener Division 1300 Gefangene und erbeutete bzw. vernichtete in diesen vier Wochen 27 Panzerkampfwagen, 14 Geschütze, 82 Granatwerfer und Maschinengewehre, 2 Flugzeuge und größere Mengen sonstiges bolschewistisches Kriegsgerät.
Diese Zahlen können nur einen annähernden Begriff von der Härte dieser Abwehrkämpfe gegen zahlenmäßige Überlegenheit das Feindes und gegen ungewöhnlich hartes Winterwetter 
vermitteln. Die Kampfleistungen dieser Division haben ihre sichtbare Anerkennung in der Verleihung von zwei Ritterkreuzen und zahlreichen anderen Auszeichnungen an die Soldaten der Division gefunden.     
 

Die Frühjahrsschlacht von Charkow

Der längste Winter geht einmal zu Ende, so auch der strenge Winter 1941/42. Auf beide Seiten der Front haben die Generalstäbe Pläne für neue Offensiven ausgearbeitet. Die deutsche Führung plant in diesem Jahr den Schwerpunkt der Operationen auf den rechten Flügel, also zur Heeresgruppe Süd, zu legen. Geplant ist der massierte Einsatz der meisten Panzer- und Panzergrenadierdivisionen, um den Feind vor der Front der Heeresgruppe zu vernichten und die beiden Fernziele Stalingrad und den Kaukasus zu erreichen. Aber auch die Sowjets sind nicht untätig geblieben, sie wollen vorallem die Fronteinbuchtung bei der Heeresgruppe Süd, die sie im Winter erobert haben, ausnützen und auf Charkow vorstoßen. Unterstützt soll diese Operation durch einen zweiten Angriffskeil werden, der 100 km weiter nördlich bei Woltschansk angesetzt werden soll. Die Sowjets sind mit ihren Angriffsvorbereitungen früher fertig als ihre deutschen Gegner und greifen daher am 9.5.1942 überraschend an. 

Die deutschen Truppen werden von dem russischen Angriff in einem denkbar ungünstigen Augenblick getroffen, denn sie sind ihrerseits gerade dabei für einen Angriff umzugruppieren. So wird die 44.ID im Balakleja gerade von der aus Frankreich eingetroffenen 71.ID abgelöst, als der russische Sturm losbricht. Das IR 131 hat bereits seine Stellungen übergeben und befindet sich im rückwärtigen Raum. Die Ablöse der anderen Regimenter ist nicht mehr möglich, daher wird das IR 131 kurzerhand der 71.ID unterstellt, und mit dieser zur Bekämpfung des zweiten sowjetischen Angriffkeils nach Norden verlegt. Mit vereinten Kräften gelingt es den rasch herbeigeholten Divisionen den Angriff zu stoppen und die Gefahr für Charkow zu bannen. Das Regiment 131 hat auch hier wieder hohe Verluste und verliert allein an Gefallenen über 100 Mann.

Die südliche Angriffsoperation auf Charkow endet für die Sowjets in einem Fiasko. Den russischen Truppen gelingt es zwar weit nach Westen vorzustoßen, aber hinter ihrem Rücken treten mehrere deutsche Panzer- und Infanteriedivisionen nach Norden an, um den alten Frontverlauf wieder herzustellen. Mit ihrer Angriffsoperation durchschneiden sie die Nachschublinien der sich bereits weit im Westen befindlichen Angreifer und kesseln diese ein. Der berühmte deutsche Militärschriftsteller Paul Carell schreibt über dieses Unternehmen:

"Für diesen wagemutigen Plan (Anmerkung: Der Plan für den Angriff nach Norden in Richtung auf die Stellungen der 44.ID) sprach die Tatsache, daß Timoschenko (Anmerkung: Timoschenko ist der Befehlshaber der sowjetischen Angriffskräfte) mit jedem Kilometer, den er weiter nach Westen vorstieß, seine Flanke gefährlich verlängerte. Das war die Chance von Feldmarschall von Bock, die er schließlich ergriff. 
...
So trat die Armeegruppe von Kleist am Morgen des 17.Mai an. Acht Infanteriedivisionen, zwei Panzerdivisionen und eine motorisierte Infanteriedivision umfaßte Kleists Streitmacht. Rumänische Divisionen sicherten den linken Angriffsflügel.
...
Mit dem Gewinnen der Donezlinie übernehmen die Divisionen den östlichen Flankenschutz für den tiefen Vorstoß der gepanzerten Stoßgruppen zur eigentlichen Kesselbildung. Die 16.Panzerdivision, als Speerspitze, stößt mit drei Kampfgruppen durch die russischen Stellungen. Wirft den Feind. Wehrt starke Gegenangriffe ab. Und stößt dann zügig bis in die Vororte von Isjum vor.

Den Hauptstreich der Operation hatte General von Mackensen mit seinem III.Panzerkorps zu führen. Mit der Dresdener 14.Panzerdivision in der Mitte, rechts und links die Wiener 100.Jägerdivision und die bayrische 1.Gebirgsdivision, wird der überraschte Russe am morastigen Suchoj-Torez geworfen, eine Brücke gebaut. Dann nach Norden eingedreht. Brodelnde Staubwolken hüllen die Panzer ein. Die mehlige Schwarzerde macht die Männer zu Schornsteinfegern. Im Zusammenwirkung mit den Panzerkräften wird der Bereka-Fluß überquert, sowjetische Panzerstöße erfolgreich abgewehrt. Am 22.Mai steht man am nördlichen Donezbogen.

Das war die Entscheidung. Denn drüben, am anderen Ufer, stand die Spitze der 6.Armee: Die Hoch- und Deutschmeister (Anmerkung: Beiname der 44.ID. Die Division wird übriges nach dem Untergang in Stalingrad als Reichsgrenadierdivision 'Hoch- und Deutschmeister' wieder aufgestellt.). Mit dieser Handreichung war der Isjumer Bogen durchstoßen und Timoschenkos weit nach Westen durchgebrochene Armee abgeschnitten. Der Kessel war geschlossen. Zu spät hatte Marschall Timoschenko die Gefahr erkannt. Mit einer solchen Antwort auf seine Offensive hatte er nicht gerechnet."

Die deutschen Truppen haben aus einer drohenden Niederlage einen grandiosen Sieg gemacht und mehr als 250.000 russische Soldaten gehen in Gefangenschaft. Der deutschen Sommeroffensive steht nun nichts mehr im Weg.

Anfang Juni 1940 ist das IR 131 wieder mit der 44.ID vereinigt. Diese tritt am 10.6. zum Angriff nach Osten an.

In der Nacht vom 11. auf den 12.6. zeichnet sich Adolf bei einem Kampfeinsatz besonders aus. Er wird dafür im Regimentstagebuch gewürdigt (siehe Dokument 382). Über die Umstände dieses Einsatzes ist in der Divisionsgeschichte zu lesen:

"Am 11.6. wurde der Angriff in ostwärtiger Richtung vorgetragen. Nach einer Tagesleistung von etwa 20 km konnte bei dem Dorf Petrowskije erstmals eine größere Anzahl von Russen gefangengenommen werden. Ihren Aussagen nach sollten starke sowjetische Panzerkräfte in den angrenzenden Wäldern bereitstehen. Die in vorausschauender Weise befohlene Anlage von Panzer-Deckungslöchern machte sich bereits am nächsten Tag bezahlt, als etwa 50 feindliche Panzer das II. und III./IR131 bedrängten. Eilends angeforderte Stuka griffen die schon in die HKL eingebrochene Kolonne an und vernichteten sie wie auch weitere Panzeransammlungen, darunter zum ersten Mal amerikanische Typen. Die eigene Panzer-Abwehr mit 3,7 cm Pak erwies sich als völlig unzureichend; nur der Einsatz von 8,8 cm Flak brachte Erfolge. Gegen sich versteifenden Feindwiderstand und weitere Panzerangriffe sah sich die Division vorübergehend in die Rolle der Verteidigung gedrängt. Die 156. sowjetische Tankbrigade zerstörte die Geschütze der II./AR 96 und überrollte von 15.45 bis 17.00 Uhr das IR 134, das trotzdem im Raum Schewtschenkowo 37 feindliche Panzer vernichten konnte.
Am 22.6. lief der deutsche Angriff wieder an. Die Division näherte sich nun dem Oskol-Abschnitt, mit der Stadt Kupjansk, den der Gegner nachhaltig verteidigte."    
 

Dokumentart: Brief
Absender: Adolf Kaipel
Absendedatum: 19.5.1942
Absendeort: Im Felde
Empfänger: Familie Halwachs
Empfangsort: Pinkafeld

Liebe Schwester!
Endlich komme ich wieder dazu einige Grüße zu schreiben. Auch erhielt ich heute an meinem Geburtstag Deinen Brief. 
Aber, liebe Schwester, ich muß Dich vorbereiten, das Schicksal ist unbarmherzig. Pöll Josef, der Mann von Fleck Liesl Nr. 55, ist vorgestern gefallen. Jetzt bin ich schon solange Soldat, doch so schlimm war es noch nie. Ich bin auf alles gefaßt. 
Werde Mutter nicht mehr solche Dinge schreiben, bleibe aber Du meine gute Schwester und sollst unser lieben Mutter beistehen, wenn uns das Schicksal abberuft.
Bisher sind 240 russische Panzer im Raum Charkow vernichtet worden.
Nun so lasse alle vielmals grüßen und auch meine kleinen Nichten. Auf Gott befohlen 
Euer Adolf
 

Dokumentart: Regimentsbefehl
Absender: IR 131 
Absendedatum: 30.6.1942
Absendeort: Im Felde

Infanterieregiment 131                                                                     Rgt.-Gef.Stand, 30.6.1942
Abteilung Ia.

R e g i m e n t s t a g e s b e f e h l  

1.) Anerkennung

Für sein mutiges und tapferes Verhalten bei der Bekämpfung von feindlichen Panzerkampfwagen spreche ich dem 
Uffz. Ka i p e l  -  Rgt.Pi.- Zug IR 131
meine v o l l e  A n e r k e n n u n g  aus.   

Uffz. Kaipel hat am 12.6.1942 gegen 02.30 Uhr 70 m vor dem Gefechtsstand III./131 einen feindlichen Panzer vernichtet. Während der Nacht hatte dieser Panzer den Gefechtsstand beschossen. Im Morgengrauen arbeitete sich Uffz. K. heran und brachte eine geballte Ladung hinter dem Turm an. Der Panzer wurde durchschlagen und 2 Mann der Besatzung getötet, während sich der Dritte mit der Pistole zur Wehr setzte. Er wurde von K. mit der MPi erledigt. Der Panzer brannte aus.
Kdeur.

Für die Richtigkeit der auszugsweisen Abschrift:
Schatte e.h.
Olt. u. Kp.-Führer  
 

Dokumentart: Brief
Absender: Adolf Kaipel
Absendedatum: 30.6.1942
Absendeort: Im Felde
Empfänger: Familie Halwachs
Empfangsort: Pinkafeld

Liebe Schwester!
Deine Päckchen erhielt ich mit Freuden und sei vielmals bedankt.
Es geht mir soweit noch ganz annehmbar, was ich ja von Euch auch erhoffe.
Seid vielmals gegrüßt aus dem Felde
Euer Adolf

Eine Woche später ist Adolf Kaipel nach der Explosion einer Mine gestorben.


   
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