Die Zeit zwischen den Feldzügen


Diese Internetseite zitiert eine Reihe von Briefen von Personen, die zum Zeitpunkt der Erstellung dieser Schreiben noch nicht unser heutiges Wissen über die grausamen Konsequenzen des Nationalsozialismus und des 2.Weltkrieges gehabt haben. Wenn man diese Briefe liest, sollte man diesen Umstand berücksichtigen. Der Leser sollte vielmehr versuchen, aus den Briefen die Stimmung, die Ängste und die Hoffnung der Menschen abzuleiten. Dadurch wird es ihm vermutlich leichter möglich sein zu verstehen, was die Menschen in dieser so furchtbaren und für uns so fernen Zeit empfunden haben.
Sollten die Briefe an manchen Stellen nationalsozialistische Ideen oder den Krieg verherrlichen, dann ersuche ich den Leser dies aus Gründen der Authenzität der Briefe zu akzeptieren. Solche Textstellen spiegeln jedoch nicht den Geist dieser Internetseiten wieder, ganz im Gegenteil, das Ziel dieser Dokumentation ist den Leser darauf hinzuweisen, wie wertvoll Friede und Völkerverständigung sind und welche furchtbaren Konsequenzen Krieg und Völkerhaß haben. 
Die Zeit zwischen den Feldzügen

Nach der Beendigung der Kampfhandlungen im Westen gilt es nun eine Bestandsaufnahme der militärischen Situation in Europa zu machen. Die Deutsche Wehrmacht hat in den vergangenen zwölf Monaten weite Teile Europas erobert bzw. besetzt. Polen wurde im Herbst 1939 angegriffen und zwischen Deutschland und der Sowjetunion aufgeteilt. Im Rahmen der Operation 'Weserübung' wurden Dänemark und Norwegen besetzt. Im eigentlichen Westfeldzug waren Luxemburg, Belgien, Frankreich und die Niederlande die nächsten Länder in denen die Wehrmacht siegreich blieb. 

Einen Sonderfall stellt England dar. Geschützt durch seine isolierte Lage und der mächtigsten Flotte der Welt, hat es einige Trümpfe in der Hand, die Hitler vorsichtig werden lassen. Ein Angriff auf die Insel verspricht erst dann Erfolg, wenn die Luftwaffe der alleinige Herrscher am britischen Himmel ist. Die militärischen Auseinandersetzungen in der zweiten Hälfte des Jahres 1940 spielen sich daher hauptsächlich über den britischen Städten ab. Die Luftwaffe ist aber für diese Art von Krieg nicht gerüstet. Sie ist als taktische Luftwaffe konzipiert, die als Unterstützungswaffe des Heeres mit kleinen oder mittleren Bomber und Jagdflugzeugen mit geringer Reichweite entlang der Vormarschstraßen der Panzerdivisionen wirksam in den Erdkampf  eingreifen kann. Sie ist aber keine strategische Luftwaffe mit der, wie in den nächsten Jahren die Westallierten eindrucksvoll über Deutschland und Japan vorexerzieren, ein Luftkrieg über große Entfernungen geführt werden kann. So ist die 'Battle of Britain' ein Aderlaß für die Deutsche Luftwaffe an Material und vorallem fliegendem Personal, der sich in den folgenden Kriegsjahren verhängnisvoll auswirken wird.

Adolf Kaipel und Hans Bundschuh befinden sich zu dieser Zeit im Westen Frankreichs. Die 44.Infanteriedivision ist als Besatzungstruppe im Raum Rochefort stationiert. Adolfs Einheit ist in Marennes in unmittelbarer Nähe zum Atlantik untergebracht. Hans Pionierbataillon wird für mehrere Monate in die Normandie verlegt, wo es Vorbereitungen für das Unternehmen 'Seelöwe', die Eroberung Englands, trifft. Da, wie oben beschrieben, diese Operation aufgrund des Mißerfolges in der Luftschlacht um England abgeblasen wird, kehrt das Pionierbataillon im Oktober wieder in den Verband der Division zurück und wird in Rochefort stationiert. Die Soldaten erhalten auch Gelegenheit für einige Wochen auf Urlaub zu gehen. Hans nützt dies für einen Ausflug nach Paris.                  

Die Zeit in Frankreich ist relativ unbeschwert. Das milde Klima, das gute Essen und der Wein tragen dazu bei, daß sich die Soldaten wie 'Gott in Frankreich' fühlen. Wie in den folgenden Briefen nachzulesen ist, gibt es in Frankreich noch viele Dinge zu kaufen, die in Deutschland schon längst nicht mehr in den Regalen der Geschäfte zu finden sind. Die Soldaten nützen natürlich das reichhaltige Angebot und schicken viele Konsumgüter nach Hause. 

Gänzlich anders ergeht es meinem Großvater, Samuel Kaipel, der nach Abschluß der Kämpfe nach Nordnorwegen verlegt wird. Mittels Schiff und Bahn, der Bahntransport führt übrigens durch das neutrale Schweden, gelangt er an seinen Bestimmungsort. Während sein Bruder in Frankreich schwitzt, muß sich mein Großvater mit den Temperaturen anfreunden, die nördlich des Polarkreises herrschen. Für alle drei ist es aber im Vergleich zu dem, was im nächsten Jahr auf sie warten wird, ein paradiesische Zeit.
 

Dokumentart: Brief
Absender: Familie Kaipel
Absendedatum: 28.7.1940
Absendeort: Riedlingsdorf
Empfänger: Adolf Kaipel
Empfangsort: 

Lieber Adolf!
Endlich kommen wir wieder einmal dazu, Dir, lieber Adolf, einen Brief zu schreiben. Lieber Adolf, haben Deine Karte samt den zwei Paketen in bester Ordnung erhalten. Lieber Adolf, wie geht es Dir? Bist Du schon ganz gesund? Was auch wir noch alle sind. Wir haben jetzt sehr viel Arbeit. Korn und Weizen haben wir schon beisammen, obwohl uns bis jetzt noch niemand geholfen hat. Lieber Adolf, wenn wir Dir ein Gesuch für einen Ernteurlaub nachschicken, könntest Du vielleicht kommen? 
Samuel hat geschrieben, wir sollen schauen, daß Du vielleicht nach Hause kommen kannst. Für ihn ist es wegen des vielen Wassers zu schwierig. Samuel arbeitet mit seinen Pferden bei den Bauern. Er hat Huber Adolf als Kameraden. Den Nicka Gust, Koch Hans, Johann Fleck Nr. 210 und Piff Adolf hat er schon getroffen. Er hat uns geschrieben, daß es ihm sonst sehr gut geht. Er hat geschrieben, daß sie von den Bauern Milchkaffee, Eier und Kuchen bekommen, und daß die Bauern für sie waschen. Aber Wein bekommen sie dort nicht und das Bier ist auch nicht gut zu trinken. Lieber Adolf, Dein Bruder Hans ist vorläufig noch zu Hause und der Halwachs Josef ist in Ulm an der Donau. Als er jetzt auf Urlaub war, hat er gesagt, daß dies jetzt ein Zigeunerleben ist. Dein Bruder Tobias kann einstweilen zurückbleiben, weil er schon eine so große Familie hat und auch schon solange im Staatsdienst (?) arbeitet. Dein Freund Arthofer hat auch einen Monat Urlaub, er ist noch immer in Graz. Lieber Adolf, Dein Freund Johann Nicka ist jetzt nach Polen gekommen und der Pöll Josef ist schon in Wien. Dort bekommt er das Eiserne Kreuz. Lieber Adolf, Gott möge uns bald den Sieg geben, aber eine kurze Zeit wird es noch dauern mit den Engländern, daß einmal die Stunde kommt, in der Ihr als Sieger in die Heimat zurückkehren könnt. 
Somit grüßt Dich auf das Herzlichste Deine Schwägerin Mitzl, Gott mir Dir, komme bald, lieber Adolf.
Heil Hitler.      

Lieber Adolf, schon wieder warte ich mit Sehnsucht auf ein Schreiben von Dir, liebes Kind, weil ich gar nicht weiß, wo sich mein liebes Kind befindet. Ich hoffe, der liebe Gott ist bei Dir.
Lieber Adolf, warum bekommst Du und der Samuel keinen Urlaub? Warum muß ich so hart kämpfen? Lieber Adolf, keinen Pfennig haben sie mir bis jetzt gegeben oder irgendeine Hilfe. Trotzdem bin ich stolz. Ich sage immer: "Lieber Gott, schicke mir meine Kinder, dann brauche ich nichts". Ich will so kämpfen wie Ihr. Du weißt ja, lieber Gott, daß ich nichts als kämpfen muß, denn die Menschen sind hart.
Über Berg und Tal grüßt Dich Deine Mutter vieltausendmal. Lieber Adolf, meine einzige Freude ist, daß ich weiß, daß Du noch lebst. Gott helfe Dir.
Bitte um Antwort.
 

Dokumentart: Brief
Absender: Adolf Kaipel
Absendedatum: 3.8.1940
Absendeort: Marennes
Empfänger: Familie Kaipel
Empfangsort: Riedlingsdorf

Meine Lieben!
Vergeblich wartend auf Neuigkeiten von Euch, faßte ich den Entschluß, Euch einige Zeilen zu schreiben. Habe Euch vorigen Mittwoch zwei Kaffeepakete und zwei Pakete der Schwester geschickt. Freitag habe ich ein weiteres Paket mit einem anderen Absender geschickt, das macht aber nichts. Heute habe ich zwei weitere, aber mit 450 Gramm, geschickt. Hoffentlich kommen alle gut nach Hause und wenn es Euch schmeckt, werde ich dieselbe Freude haben und bei Gelegenheit wieder etwas schicken.
Habe diese Woche einen Anzugstoff gekauft, damit ich, wenn ich nach Hause komme, einen anständigen Anzug habe. Bei uns ist es jetzt sehr warm, man kann es fast nicht aushalten. Es ist hier herrlich, man sieht hier in den Park- und Gartenanlagen viele Palmen, einen Winter kennt man hier überhaupt nicht und desto wärmer ist es jetzt. Ich mache jetzt einen Sanitätskurs und daher ist von einer Arbeit keine Rede.
Von meinen Kameraden sind sehr viele gefallen, ja es ist so wie auf meinen Paketen steht "Ich hatte einen Kameraden, einen besseren find ich nicht". Ich habe es gut bei meiner Kompanie, mit allen, ob Unteroffizier oder Mannschaften, bin ich gut Freund, aber für mich ist diese Zeit nur einem Schmerz untergeordnet, wenn ich an Fabian denke.
Es gehen hier viele Gerüchte um, daß wir nach Hause kommen. Man weiß es nicht genau.
Viele Grüße, liebe Mutter, denkt im Geist bin ich bei Euch und möchte Eure Arbeit teilen. Nochmals an alle herzliche Grüße.
Euer Adolf           
 

Dokumentart: Brief
Absender: Familie Kaipel
Absendedatum: 13.8.1940
Absendeort: Riedlingsdorf
Empfänger: Adolf Kaipel
Empfangsort: Marennes

Unser lieber Adolf!
Nach schwerem Warten haben wir gerade mit großer Freude einen Brief von Dir erhalten. Es tut uns sehr leid, lieber Adolf, daß Du solange in Köln warst und wir Dir nichts schicken konnten. Lieber Adolf, um uns brauchst Du Dich nicht sorgen, wir sind alle gesund und mit der Arbeit sind wir auch so weit wie andere Leute, obwohl sich bist jetzt noch kein Mensch erbarmt hat. Lieber Adolf, wir wollen zu Hause genauso kämpfen wir Ihr Lieben im Feld.  Ihr werdet staunen, wenn Ihr nach Hause kommt, wie viel wir geleistet haben. Der Vater hilft auch fleißig mit, wir haben noch das ganze Vieh und das Heu haben wir auch schon nach Hause gebracht. Nächste Woche geht das Schnitt los. Die Frucht schaut ziemlich schön aus. Wenn nur kein Schauer kommt, dann werden wir alle genug zu essen haben. 
Und Ihr, unsere Lieben, schaut, daß Ihr bald in Eure Heimat zurückkehren könnt. Vertraut nur Gott, er wird Euch nicht verlassen. Lieber Adolf, Samuel schrieb auch immer, was mit Dir ist. Ob Du noch gesund bist. Wir sollen ihm alles schreiben und Dein Bruder Hans hat auch für einen Monat abgerüstet. Dann kommt auch er zu einem Pionierkurs. Halwachs Josef kam auch auf acht Tage Urlaub nach Hause. Er ist jetzt in Ulm an der Donau. Er sagte uns auch, daß er mit den schweren Geschützen abgeht. Wohin wußte er nicht. Lieber Adolf, Dein alter Freund Arthofer war auch heute zu Hause. Er sagte uns, daß er am Montag von Graz wegkommt. Dein Bruder Samuel war bis jetzt in Oslo, bis jetzt ist es immer kalt gewesen. Sie haben sehr viel Schnee gehabt, doch jetzt, hat er uns geschrieben, haben sie auch Sommer. Seine Adresse ist noch die alte Feldpostnummer 32896. Ansonst geht es ihm sehr gut. Nur die Arbeit kränkt ihn auch.
Lieber Adolf, schreib doch einmal. Somit schließe ich mein Schreiben mit vielen tausend Grüßen von Deiner Schwägerin Mitzl.
Heil Hitler.
Lieber Adolf, komme bald.
Sogar der kleine Adolf sagt immer: "Lieber Himmelvater schick meinen Vater und meinen Onkel bald zu uns und schick Ihnen viele Busserl."

Lieber Adolf, Deine Mutter grüßt Dich tausend und abertausendmal. Lieber Adolf, ich habe jetzt wieder frischen Mut, da ich von Dir einen Brief gelesen habe. Ich bin wohl schon so bekümmert gewesen um das Liebste auf der Welt. Lieber Adolf, Dein Paket haben wir erhalten, aber Du meines noch nicht. Die Briefe sind zurückgekommen. Liebes Kind, Deine Schmerzen haben mir wehgetan, aber helfen kann ich Dir nicht. Aber der liebe Gott hört mein Gebet. Lieber Adolf, wo bist Du? Wohl sehr weit von uns. Aber der liebe Gott wird seine Schäflein wieder wohl heim schicken. 
Es grüßt Dich nochmals Deine Mutter und nochmals viele viele Küsse. Gott mit Dir, mein liebes Kind, meine Augen weinen.   
 

Dokumentart: Brief
Absender: Adolf Kaipel
Absendedatum: 13.8.1940
Absendeort: Marennes
Empfänger: Maria Halwachs
Empfangsort: Pinkafeld

Liebe Schwester!
Ich habe Deinen Brief schon vor einigen Tagen erhalten, ich sparte die Antwort aber für die nächste Regimentswache auf, wo, wenn eine Arbeit zu tun ist, die Stunden schneller vergehen.
Es ist jetzt zwei Uhr früh und gerade jetzt, wo ich von der Küstenwache zurückkomme, kann ich mich am besten für meine Lieben konzentrieren. So tief war ich vor ein paar Minuten gerührt, fast ist es so, als hätte der Himmel seine Bestätigung dafür gegeben. Mein Weg führte als Streife entlang des Küstenstreifens, wo von einer Seite die Wellen der Flut wogend, von der Unendlichkeit des Ozeans kommend, an einem vom Festland im Strand endenden Felsen zerschellen. Auf der anderen Seite der Wind, der durch die alten Föhrenäste strich.
Während ich mich mit solchen Gedanken beschäftigte, erinnerte ich mich an den Vers, den ich vor vier Jahren bei meiner Urteilsverkündung von der Wand las "Tröste Dich, mein Herz, alles vergeht." Ja einmal wird alles vorüber sein, was auch einem einst hart erschien. Glaube gar nicht, liebe Schwester, daß wir so fern voneinander sein können. Ich sehe Euch nun alle Tage und dafür sage ich vieltausendmal Dank für die wundervolle Aufnahme.
Was die Zukunft noch bringt, ist uns allen noch unbekannt. Doch mag sie uns auch noch so grausam erscheinen, wir sind nun einmal Soldaten und halten an dem Grundsatz unseres alten Bismarks fest: "Wir fürchten Tod und Teufel nicht, mit uns ist Gott im Bunde".
Schreib mir sofort, liebe Schwester, wenn die zwei kleinen Pakete bei Dir ankommen, ich habe nämlich schon wieder eines gepackt. Schicke sie aber erst, wenn ich die Gewißheit habe, daß sie nach Hause kommen.
Und am Schluß an Hilde, Mitzerl und Dir, liebe Schwester, die herzlichsten Grüße mit einem zackigen Sieg Heil   
Dein Bruder Adolf
 

Dokumentart: Brief
Absender: Adolf Kaipel
Absendedatum: 14.8.1940
Absendeort: Marennes
Empfänger: Familie Kaipel
Empfangsort: Riedlingsdorf

Liebe Mutter und Schwägerin!
Habe heute Euren Brief mit Freuden erhalten und hoffe, daß Euch dieser Brief in bester Gesundheit antrifft, wie mich Eurer. Vor allem freute es mich, daß meine vier Pakete gut angekommen sind. Habe ein weiteres Viertelkilopaket und drei halbe Kilopakte aufgegeben und hoffe, daß sie alle gut nach Hause kommen, und wenn sie Euch Freude bereiten, dann freut es auch mich. Alles kauft Kaffee hier und schickt ihn nach Hause, so daß er fast nicht mehr zu haben ist. Es ist nur schade, daß man nicht mehr schicken kann. Es sind nur vier Pakete zu halbe Kilos erlaubt.
Es geht mir sehr gut. Ihr braucht Euch um mich keine Sorgen machen, ich schlage mich durch diese hungrige Welt schon durch. Vorige Woche nahm ich an einem Sanitätskurs teil. Um acht Uhr stand ich erst auf, von neun bis elf Unterricht und von zwei bis fünf, dann hatten wir schon wieder frei. Freilich stehe ich um eine Stunde früher auf, doch mich kann nichts mehr erschüttern.
Wenn ich denke, was wir für ein Leben führen und Ihr wißt vor lauter Arbeit nicht was Ihr anfangen sollt, dann wird es mir schon schwer. Leider kann man daran wenig ändern. Was das Schicksal bringt, ist noch allen unbekannt, hoffen wir das Beste. Einer herzlichen Gegend haben wir uns jetzt bemächtigt, man kann ruhig sagen ein Land der Reben. Tagsüber ist es zu heiß und nachts ist es ziemlich kalt. Habe mich sehr gefreut über die Grüße vom Kreisleiter und danke Euch dafür. Auch Nicka Hans schrieb mir, bevor er von Frankreich wegzog. Grüßt mir vielmals die Mutter vom Hans.
Und nun zum Schluß die herzlichsten Grüße
Euer Adolf  
 

Dokumentart: Brief
Absender: Hans Nika
Absendedatum: 16.9.1940
Absendeort: Riedlingsdorf
Empfänger: Adolf Kaipel
Empfangsort: Marennes

Lieber Adolf!
Du wirst über meinen heutigen Brief sehr erstaunt sein, er kommt nicht aus dem Westen, nicht aus dem Osten sondern nach langer Zeit wieder einmal aus der Heimat. Es ist jetzt wohl schon wieder eine sehr schöne Zeit vergangen, seit wir beide zu Hause waren und uns die Hände reichten. Es sind nicht einige Wochen oder Monate sondern bereits über ein ganzes Jahr. Die Zeit vergeht wirklich so schnell, daß man es gar nicht fassen kann. Alles ist vergänglich und so wird auch der heutige Zustand seinem Ende entgegengehen. Und wenn uns der Allmächtige beisteht, werden wir eben dann unser Wiedersehen feiern, wenn es gleich jetzt nicht möglich ist. Ich war auch schon bei Deinen Eltern und Dein Bruder Samuel ist auch zu Hause. Wir beenden unseren Urlaub zur gleichen Zeit, am 30. September fahren wir gemeinsam nach Wien.
Wie geht es Dir immer, lieber Adolf? Hoffentlich bist Du jetzt wieder schön gesund? Die Arbeit wird ja jetzt auch nicht so anstrengend sein. Bei uns in Polen ist es ja auch so, es ist  hauptsächlich nur Arbeitsdienst, Barackenbau und Straßenbau. Wie es dort sonst aussieht, brauche ich Dir ja nicht schreiben, das weißt Du ja vom vorigen Jahr. Es ist wie bei den Zigeunern und noch die vielen Juden dazu, kannst Dir vorstellen, wie ich mich da wohlfühle. Und so langweilig dazu, Belustigungen gibt es überhaupt nicht. Hoffentlich kommen wir bald wieder weg von da. 
Lieber Adolf, zu Hause gibt es nicht viel Neues, die Zeit ist nicht besonders gut, der Regen ist so wie früher. Die Straßen sind wie ausgestorben, es sind sehr viele eingerückt, das wirst Du ja sicher wissen. Der A. ist wieder auf Urlaub zu Hause und ich glaube sogar für drei Monate. Ich weiß nicht, können sie den nicht brauchen oder was da eigentlich los ist? Mir kommt er wohl so vor, als er noch gar nichts gelernt hätte, er ist noch der alte Schleifer.
Lieber Adolf, nun schließe ich für heute mein Schreiben und wünsche Dir weiterhin einen guten Fortschritt.
Dein alter Kamerad  Hans
Heil Hitler!         
 

Dokumentart: Brief
Absender: Samuel Kaipel
Absendedatum: 16.9.1940
Absendeort: Riedlingsdorf
Empfänger: Adolf Kaipel
Empfangsort: Marennes

Lieber Bruder!
Vor allem die besten Grüße aus Deiner Heimat. Kann Dir mitteilen, daß ich drei Wochen auf Urlaub hier bin. Wir sind noch alle gesund, was wir auch Dir wünschen. Wie geht es Dir? Ich kann es mir vorstellen. Ich befinde mich 200 km nördlich von Narvik. Es ist ganz einsam hier. Ich bin hier von den Pferden weg bei der motorisierten Karette. Ich muß fünf Tage durch Schweden fahren. Insgesamt sind das 400 km und Du bist so weit im Süden. Deine Pakete mit dem Anzug sind auch angekommen. 
Ich kann Dir mit Freude mitteilen, daß uns der Führer die Medaille für die Kampfzeit verliehen hat. Lieber Bruder, wie schön wäre es, wenn Du auch Deinen Urlaub hier verbringen könntest. Am 30. fahre ich wieder hinauf in meine Eiswüste. Was wir den ganzen Winter machen, wissen wir nicht. Vielleicht verbringen wir ihn auf Engeland.
Nochmals viele Grüße von uns allen im Hause
Samuel
Auf Wiedersehen
 

Dokumentart: Brief
Absender: Familie Kaipel
Absendedatum: 4.10.1940
Absendeort: Riedlingsdorf
Empfänger: Adolf Kaipel
Empfangsort: Marennes

Lieber Adolf!
Haben Dein Paket mit Inhalt Pfeffer und Kaffee dankend und mit größter Freude erhalten. Lieber Adolf, habe Dir zehn RM in Briefen für die Schuhe von Adolf, falls Du welche bekommst, geschickt. Hier bekommt man ohnehin keine. Wenn die zehn Mark nicht für die Schuhe ausreichen, dann schreibe mir gleich. Mehr wollen wir auf einmal nicht hinein, lieber weniger und dafür öfter. Mutter hat Dir auch drei RM in einen Brief hinein. Schreibe uns, ob Du alles erhalten hast. Lieber Adolf, wir schicken es Dir nicht, daß Du uns etwas schickst, sondern damit Du Dir selbst etwas kaufen kannst. Wenn Du es bekommst, dann werden wir öfters etwas schicken. Lieber Adolf, schreibe uns, wenn wir Dir sonst etwas schicken können. Wir möchten Dir auch gerne etwas Gutes tun.
Lieber Adolf, Samuel hat uns auch am 30.9. wieder verlassen. Wenn er glücklich durchgekommen ist, dann ist er gestern in der Nacht an seinem Platz angekommen. Bevor er auf das Schiff gegangen ist, hat er uns eine Karte geschrieben. Seine Fahrt kannst Du Dir ohnehin vorstellen. Wenn Ihr alle zwei glücklich und gesund wieder zusammen kommen werdet, dann werdet Ihr Euch viel erzählen können. Halwachs Josef liegt auch im Spital in Schwäbisch Gmünd. Er wäre auch nach Norwegen gekommen. Das Schiff, mit dem er gefahren wäre, ist versenkt worden. Vielleicht hast Du ohnehin schon gehört, daß er ein Magengeschwür hat.
Viele Grüße von Deiner Schwägerin Mitzerl. 
Komme bald, lieber Adolf.

Gruß von Deiner Mutter. Liebes Kind.   
 

Dokumentart: Brief
Absender: Familie Kaipel
Absendedatum: 21.10.1940
Absendeort: Riedlingsdorf
Empfänger: Adolf Kaipel
Empfangsort: Marennes

Lieber Adolf!
Haben Deinen Brief dankend erhalten samt Deinem Paket mit der zweiten Decke, aber die dritte Decke ist noch nicht angekommen. Das erste Paket war auf Kern, 110 Wien, Martinsstraße 31/8 und das zweite an Johann Reiner Erlbach adressiert.
Lieber Adolf, Du fragst wann Du auf Urlaub kommen sollst. Warum fragst Du, lieber Adolf? Du weißt ja, daß wir uns zu jeder Stunde freuen, sei es wann auch immer. Wenn Du nur schon hier wärst. Lieber Adolf, als Samuel hier war, sagte er immer, wenn doch auch der Adolf nur hätte kommen können. Er hätte gerne mit Dir gesprochen, aber Gottes Schicksal hatte es nicht gewollt. Heute hat Samuel wieder geschrieben. Er ist jetzt oben am Polarkreis. Jetzt bekommen sie um 50% mehr Geld (Fernzulage), aber das Essen und Trinken ist sehr teuer. Er schreibt, daß bei ihm der Winter heuer sehr lange dauern wird. Lieber Adolf, der liebe Gott hat es gegeben, daß der Samuel wieder glücklich an seinem Platz angekommen ist. Nach ihm ist jetzt schon wieder ein Schiff von zwei englischen Zerstörern versenkt worden, angeblich soll aus Riedlingsdorf auch wer dabei sein, aber man weiß noch nichts Bestimmtes. 
Lieber Adolf, Halwachs Josef wird jetzt vielleicht ganz nach Hause kommen. Aus dem Lazarett ist er schon heraußen. Er hat geschrieben, daß er untauglich ist. Du kannst Dir denken, daß er seinen Teil haben wird. Gott möge uns doch einmal den Frieden bringen.
Lieber Adolf, mit der Arbeit auf dem Felde kommen wir schon zurecht. Die Arbeit wäre uns ja nicht zu schwer, wenn nur der viele Kummer um Euch nicht wäre. Wann, wann werdet Ihr einmal Eure Heimat genießen können?
So schließe ich das Schreiben mit vielen tausend Grüßen von Deiner Schwägerin Mitzerl. Komme bald, lieber Adolf. Heil Hitler. Wir würden uns freuen.

Flieg liebes Brieflein über Berg und Tal und grüße mein Kind vieltausendmal. Flieg nicht zu hoch und nicht zu weit und bringe eine frohe Botschaft wieder. 
Gruß von Deiner Mutter.   

 
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