Der Feldzug im Westen


Diese Internetseite zitiert eine Reihe von Briefen von Personen, die zum Zeitpunkt der Erstellung dieser Schreiben noch nicht unser heutiges Wissen über die grausamen Konsequenzen des Nationalsozialismus und des 2.Weltkrieges gehabt haben. Wenn man diese Briefe liest, sollte man diesen Umstand berücksichtigen. Der Leser sollte vielmehr versuchen, aus den Briefen die Stimmung, die Ängste und die Hoffnung der Menschen abzuleiten. Dadurch wird es ihm vermutlich leichter möglich sein zu verstehen, was die Menschen in dieser so furchtbaren und für uns so fernen Zeit empfunden haben.
Sollten die Briefe an manchen Stellen nationalsozialistische Ideen oder den Krieg verherrlichen, dann ersuche ich den Leser dies aus Gründen der Authenzität der Briefe zu akzeptieren. Solche Textstellen spiegeln jedoch nicht den Geist dieser Internetseiten wieder, ganz im Gegenteil, das Ziel dieser Dokumentation ist den Leser darauf hinzuweisen, wie wertvoll Friede und Völkerverständigung sind und welche furchtbaren Konsequenzen Krieg und Völkerhaß haben. 
Dokumentart: Brief
Absender: Walter Hirschberg
Absendedatum: 6.5.1940
Absendeort: Bad Gandersheim
Empfänger: Adolf Kaipel
Empfangsort: 

Lieber Adolf! 
Du wirst wohl schon böse sein, daß ich solange nichts von mir habe hören lassen. Wir dachten immer, daß Du doch wohl einmal zu uns kommst. Mit der Zeit ist es jetzt auch so knapp. Seit Anfang März bin ich jeden Nachmittag in die Fabrik arbeiten gegangen. Abends habe ich dann meine Schularbeiten gemacht, bis zehn Uhr. Sonntags habe ich dann im Garten geholfen. Das Land, wo wir im Herbst zusammen Mist hingefahren haben, haben wir am 1.Mai und zu Himmelfahrt umgestochen und bepflanzt. Das Stück Land an der Straße auf dem Salzberg sieht jetzt auch ganz anders aus, das wird der Sepperl schon erzählt haben. 
Mit dem jetzigen Soldaten kommen wir nicht gut aus. Alle Leute sind unzufrieden mit den einquartierten Soldaten. Der gehört überhaupt nicht zu uns, der kann uns alle arbeiten sehen. Wenn wir ihm auch sagen, er möge mir z.B. beim Himbeeranbinden helfen, so macht er sich da gar nichts daraus. In der Woche ist er bald drei- bis viermal in der Wirtschaft, die anderen Tage treibt er sich bei Seidigs, hier auf dem Salzberg, herum. Mit dem Kino gehen ist es jetzt auch schon länger aus. Wir dürfen nur jugendfreie Filme sehen, und dann nur bis neun Uhr und in Begleitung der Eltern. Dieses Jahr dürfen wir überhaupt nicht mehr ins Kino. 
Zu Pfingsten habe ich mir vorgenommen mein Schiff zu streichen, damit es endlich fertig wird. In der Schule geht es auch feste weiter. Seit Ostern haben wir auch Englisch dazubekommen. Wir haben in dem Fach einen prima Lehrer, so daß wir schon allerhand gelernt haben. Ich dachte schon, Ihr würdet auch nach Norwegen kommen, aber hier seid Ihr ja zu dicht an Land um an dem Feldzug teilzunehmen. Englische Schiffe werden jetzt auch genug versenkt, so daß die Radioberichte jetzt immer viele Neuigkeiten berichten.
Viele Grüße und ein baldiges Wiedersehen wünscht Dein Freund Walter.    
 
 

Der Feldzug im Westen

Nachdem England und Frankreich dem Deutschen Reich am 3.9.1939 als Reaktion auf den Einmarsch in Polen den Krieg erklärt haben, ist eine militärische Konfrontation im Westen unausweichlich, denn nur wenn er den Rücken frei hat, kann Hitler seine Träume von der Gewinnung von Lebensraum im Osten verwirklichen. Der deutsche Aufmarsch entlang seiner Westgrenze vollzieht sich nach dem sogenannten Schlieffenplan, der vorsieht, daß die deutschen Divisionen unter dem Bruch der Neutralität von Belgien und Holland in südlicher Richtung nach Nordfrankreich vorstoßen. Dieser Plan ist aber bereits im ersten Weltkrieg gescheitert, als die deutschen Divisionen am rechten Flügel, die den längsten Weg zurücklegen mußten, einfach zu langsam vorangekommen waren. Bis sie endlich die französische Grenze erreicht hatten, waren dort bereits umfangreiche Gegenmaßnahmen eingeleitet worden, die dazu führten, daß die Offensive abgefangen wurde und der Bewegungskrieg zu einem grausamen Stellungskrieg erstarrte. 

Das Verteidigungskonzept der Briten, die ein Expiditionskorps nach Frankreich geschickt haben, und der Franzosen geht davon aus, daß die Deutschen auch in diesem Krieg entsprechend des Schlieffenplanes angreifen werden. Sie werden in ihrer Ansicht bestärkt als Ende 1939 ein deutsches Kurierflugzeug, das einen Teil des Aufmarschplanes an Bord hat, in Belgien notlanden muß. Sie erarbeiten eine Gegenstrategie, die vorsieht, bei einem deutschen Angriff auf Belgien und die Niederlande mit den mobilen Einheiten sofort nach Belgien einzumarschieren, um sich mit der belgischen Armee zu vereinigen, um bereits im Vorfeld der französischen Grenze den deutschen Stoß abzufangen. Während dies die Strategie für die Nordgrenze ist, wird die Ostgrenze zu Deutschland hauptsächlich durch die Bunker und Forts der mächtigen Maginotlinie geschützt. 

Hitler kennt natürlich die gegnerischen Absichten und er weiß auch um die Schwächen des deutschen Planes, da er selbst als Freiwilliger 1914 den gescheiterten Vorstoß mitgemacht hat. Das Glück kommt ihm zu Hilfe als er bei einem Essen, das er für neu ernannte Korpskommandaten gibt, den bisherigen Stabschef der Heeresgruppe A und späteren Generalfeldmarschall Erich von Manstein kennenlernt. Manstein hat als Leiter des Stabes der Heeresgruppe A, jener Heeresgruppe, die sich im Zentrum des Aufmarsches befindet, einen revolutionären Plan ausgearbeitet, der vorsieht, den Schwerpunkt vom rechten Flügel in das Zentrum zur Heeresgruppe A hin zu verlagern. Die Masse der Panzerdivisionen soll nach Mansteins Plan durch die gebirgigen und unwegsamen Ardennen entlang der belgisch-französischen Grenze in Richtung Kanalküste vordringen, um so die mobilen Einheiten in Belgien von den Verteidigungskräften der Maginotlinie abzutrennen. Der Plan wird von den deutschen Militärexperten vorallem wegen des Panzervorstoßes durch die Ardennen stark angezweifelt und als Manstein seine vorgesetzten Dienststellen immer wieder mit Eingaben bombardiert, ernennen sie den lästigen General zum Kommandanten eines sich in Aufstellung befindlichen Infanteriekorps. Durch diese Ernennung kommt es, wie bereits beschrieben, unbeabsichtigt zu dieser schicksalhaften Begegnung mit Hitler, die die Welt verändert.

Der deutsche Truppenaufmarsch wird nun entsprechend des Mansteinplanes durchgeführt. Der Heeresgruppe A wird die Masse der Panzerdivisionen zugeteilt, die im Rahmen der Panzergruppe Kleist das Kernstück des deutschen Angriffes darstellen. Das Spitzenkorps (XIX. Panzerkorps) der Panzergruppe wird vom späteren Generaloberst Heinz Guderian geführt, der als der Schöpfer der deutschen Panzerwaffe gilt. Wie der weitere Ablauf der Schlacht zeigen wird, ist er der richtige Mann für die Umsetzung von Mansteins Plan.

Als am 10.Mai der Feldzug beginnt, werden die Westalliierten durch die deutschen Angriffe auf Holland und Belgien nach Belgien gelockt. Während sie sich dort mit den belgischen Truppen vereinigen, bahnt sich bereits nach wenigen Tagen an ihrer rechten Flanke die große Katastrophe an. Die Panzergruppe Kleist, allen voran das vom unermüdlichen Guderian angetriebene XIX.Panzerkorps, durchquert die Ardennen und durchbricht bei Sedan die Ausläufer der Maginotlinie. Selbst die deutsche Generalität ist von der Schnelligkeit des Vormarsches derart überrascht, daß es intern, vorallem zwischen Guderian und seinem Vorgesetzten Kleist, zu heftigen Auseinandersetzungen über die Geschwindigkeit des Vorgehens gibt. Der fortschrittlich denkende General treibt seine Truppen unermüdlich vorwärts, während die Generäle in den Stäben hinter der Front besorgt auf die Generalsstabskarten blicken. Sie sorgen sich vorallem um die offenen Flanken der Panzergruppe. Der Erfolg bestätigt aber Guderian, denn die Franzosen und Engländer haben den deutschen Panzerdivisionen nichts entgegenzusetzen. Sie besitzen zwar mehr und stärkere Panzer, doch sind diese in ihrem militärischen Konzept lediglich als Unterstützungswaffe für die Infanterie vorgesehen. Anstatt sie, wie die Deutschen in eigenen Panzerdivisionen zusammenfassen, sind die Panzer der Westalliierten über die gesamte Front verstreut. Als der deutsche Panzerkeil aus den Ardennen hervorbricht, gibt es niemand, der ihn aufhalten kann. Und kommt es einmal an den Flanken des deutschen Durchbruchs zu gefährlichen Situationen, dann greift die Luftwaffe mit Sturzkampfbombern und Jagdflugzeugen ein und bereinigt die Lage. 

Durch den genialen Mansteinplan, die fortschrittliche Panzertaktik und die Zusammenarbeit Heer/Luftwaffe ist der Frankreichfeldzug faktisch nach nur 14 Tagen entschieden. Die junge Deutsche Wehrmacht besiegt die französische Armee, die in der Zwischenkriegszeit als die mächtigste der Welt galt, in nur zwei Wochen. Als jedoch die deutschen Panzer den Ärmelkanal erreichen, unterläuft Hitler ein wahrscheinlich kriegsentscheidender Fehler. Er erteilt nämlich seinen Panzern den Haltebefehl, bevor sie das britische Expiditionskorps vom Meer abschneiden können. Über die Beweggründe für diesen unverständlichen Befehl haben schon Generationen von Historikern heftige Streitgespräche geführt. Ob er sich vom ehrgeizigen Luftwaffenmarschall Hermann Göring, der das Britische Expiditionskorps mit seinen Bombern vernichten will, beeinflussen läßt, oder ob es als Friedensgeste an England gedacht ist, wird wohl für immer im Nebel der Geschichte verborgen bleiben. Die Briten nützen diese Chance und evakuieren in einer spektakulären Aktion aus dem Brückenkopf Dünkirchen ihr gesamtes Expiditionskorps, allerdings gehen alle schweren Waffen verloren. Aber Waffen kann man ersetzen, erfahrene Soldaten hingegen nicht und so bilden diese 300.000 Mann  in den Folgejahren das Herzstück einer neuen Armee, die vier Jahre später zusammen mit den Amerikanern auf den Kontinent zurückkehrt, und in weniger als einem Jahr Europa von dem Terrorregime der Nationalsozialisten befreit.
Nachdem das Britische Expiditionskorps vertrieben ist, die Niederlande und Belgien kapituliert haben, beginnt die eigentliche Schlacht um Frankreich. Der Ausgang dieser Schlacht steht  eigentlich schon am Beginn fest, denn die siegreiche Wehrmacht sieht sich mit einem Gegner konfrontiert, der bereits dezimiert und demoralisiert ist. Die Schlacht verläuft aber, wie aus dem Bericht der 44. Infanteriedivision ersichtlich ist, vorallem in den ersten Tagen besonders blutig.  
 

Dokumentart: Brief
Absender: Familie Hirschberg
Absendedatum: 14.5.1940
Absendeort: Bad Gandersheim
Empfänger: Familie Kaipel
Empfangsort: Riedlingsdorf

Liebe Familie Kaipel!
Ich danke Ihnen für die erhaltene Karte. Es war schade, daß das Paket so spät gekommen ist und Adolf den Brief nicht mehr erhalten hat. Die Hauptsache jedoch ist, daß er überhaupt im Urlaub war. Wir haben von einem Sonntag auf den anderen gehofft, Adolf würde uns bei einem Sonntagsurlaub noch einmal besuchen, denn viele sind das zweite Mal hier gewesen. Wir aber hatten dieses Glück beiderseits nicht. So hatten wir die letzte Hoffnung auf Pfingsten gesetzt. Doch sahen wir nach diesen gewaltigen Kampfbewegungen schon ein, das der Traum vorbei ist. Wir haben noch eine Pfingstkarte aus Holzminden erhalten. Gestern Abend ist auch unsere zweite Einquartierung abgefahren. Die waren auch zwei Monate hier. Er war ein Schwärmer immerfort. So mußten wir oft an unseren ersten Soldaten denken und sagten dann, wie anderes war doch Adolf.
Nun ist der Krieg richtig entbrannt. Auch Adolf wird schon vorgerückt sein. Er war ein offener, gerader Soldat, da können Sie stolz darauf sein, und er hatte einen edlen Charakter. Das Glück mag ihm hold sein. Sie, liebe Frau Kaipel, bangen Sie nicht zu viel, seien Sie mutig. Ich habe das Gefühl, es wird Adolf nichts passieren. Wir haben in der Heimat auch unsere Aufgabe. Wir müssen arbeiten. Das wollen wir gerne tun. Der Führer wird es recht machen. Das hat Adolf auch öfters gesagt.
Wenn der Weg nicht zu weit wäre, würde ich Sie gerne besuchen. Walter wird es später einmal für uns alle tun. Sein Plan ist aufs Schiff zu gehen. Dann werde ich mich als Mutter auch mit so manchem abfinden müssen. Nun, liebe Familie Kaipel, wünsche ich alles Gute. Es sollte uns freuen mal wieder von Ihnen zu hören. Vor allem Neuigkeiten von Adolf zu erfahren.
Mit herzlichen Grüßen      
Ihre Familie Hirschberg      
 

Die 44.Infanteriedivision im Frankreichfeldzug 

Als der Krieg am 10.Mai im Westen losbricht, befindet sich die 44.ID noch in ihren Winterquartieren in Niedersachsen. Die meisten Einheiten sind wie immer bei der Ausbildung als über das Radio der Beginn des Angriffes im Westen bekanntgegeben wird. Sofort nach dieser Meldung werden die Einheiten in ihre Quartiere zurückgeholt, wo sie sich auf den Abtransport vorbereiten. Bereits wenige Tage später, am 13.Mai, wird ein Großteil der Soldaten auf Güterwaggons verladen. Auf dem Bahnhof spielen sich tränenreiche Szenen ab, denn nun heißt es für die österreichischen  Soldaten endgültig Abschied nehmen von ihren vertrauten Quartiergebern.

Da der Angriff im Westen erfolgreicher als allgemein erwartet verläuft, wird die Division nicht wie vorgesehen bei Lüttich (Belgien) angesetzt, sondern weiter nach Süden in den Raum Koblenz transportiert. Als am 15.5. die Regimenter der 44.ID aus dem Zug steigen, durchstoßen zur gleichen Stunde die Panzer der Panzergruppe Kleist die französischen Stellungen im Raum Sedan-Mezieres. Damit ist die Voraussetzung geschaffen, die 12.Armee, zu der auch Adolfs 44.ID gehört, nach Westen antreten zu lassen. In einem endlosen Zug marschiert nun Infanteriedivision auf Infanteriedivision in Richtung Durchbruchstelle. Bereits am 18.5. durchqueren die Soldaten der 44.ID Luxemburg und erreichen die belgische Grenze. In Bastogne, das vier Jahre später während der deutschen Ardennenoffensive berühmt werden wird, sehen die Männer die ersten Zeichen des Krieges, Bombenschäden und von den Zivilisten verlassene Häuser. 

Am 19.5. wird die Division kurzfristig dem neu aufgestellten Armeekorps des Generals von Manstein unterstellt, aber bereits am nächsten Tag hat sie bereits wieder einen neuen Herren. Am 21.5. durchqueren die Einheiten das Maastal, das eine Woche zuvor Schauplatz der feldzugentscheidenden Durchbruchsschlacht geworden ist. Zur gleichen Zeit erreichen die Spitzen der deutschen Panzergruppe Kleist bereits die Kanalküste. Für die Männer der Division stehen diese Tage ganz im Zeichen von kräfteraubenden Märschen von 40 bis 60 km pro Tag. Die Soldaten marschieren durch Landstriche, die von den Bewohnern fluchtartig verlassen worden sind. Zurückgelassenes Vieh hat furchtbare Leiden zu erdulden, welche die Soldaten nur wenig lindern können. Es wandert aber auch so manches Huhn oder Schwein in die Kochtöpfe der Kompanien. Ebenso findet auch der französische Rotwein großen Anklang bei der Truppe. (Anmerkung: Auf einer Karte aus Adolfs Besitz sind die Stationen dieses Vormarsches eingezeichnet, die sich auch mit der Beschreibung in der Divisionsgeschichte decken.)

Das nahe Donnern von Geschützen kündigt für die 44.ID vorerst einmal das Ende des Vormarsches an. Die Division wird in den Sommeabschnitt mit Hauptkampfrichtung Süden eingegliedert. Während die Soldaten die Stellungen und Unterkünfte beziehen, wird die Kapitulation der belgischen Armee bekanntgegeben. Ende Mai beginnen die ersten Stoßtruppunternehmen vor der Front der Division. Diese Aktionen und mehrere Feuerüberfälle der französischen Artillerie führen zu den ersten Verlusten an Toten und Verwundeten. 

In den ersten Junitagen bereiten sich die Soldaten auf den Angriff auf die aus vorwiegend  nordafrikanischen Einheiten bestehenden französischen Regimenter vor. Als am 5.6. um 5.00 Uhr der Angriff beginnt, geht es zunächst rasch vorwärts. Der deutsche Befehl sieht vor, die Dörfer, die von den Franzosen zum Teil zu Festungen ausgebaut worden sind, zu umgehen. Dies rächt sich aber bereits nach wenigen Stunden, als die französischen Einheiten mit Artillerie und Scharfschützen den vorgepreschten deutschen Kompanien schwer zusetzen. Die erfahrenen Offiziere und Unteroffiziere haben Mühe, eine Panik bei den von allen Seiten unter Beschuß genommenen Kompanien zu verhindern. Den Franzosen gelingt es sogar, die Masse eines der Angriffsbataillone (I./IR 134) gefangen zu nehmen. 

Über die Schwere dieser Kämpfe vom 5.6.1940 ist in der Divisionsgeschichte der 44.ID nachzulesen:

"Tagebuch der II./AR 96 (II. Abteilung des Artillerieregimentes 96)

Punkt 05.00 Uhr erzitterte die Erde. Ein ungeheures Brüllen der Geschütze aller Kaliber erhob sich auf der gesamten Front unseres Abschnittes. Von Peronne bis weit nach rechts in unseren Abschnitt hinein sah man das Mündungsfeuer unserer Batterien. Das Krachen war ungeheuerlich und mit unheimlichen Sausen zischten unsere Granaten über unsere Gefechtsstände hinweg. Auf der Seite des Gegners begannen mehrere Dörfer zu brennen, darunter besonders Proyart und Foucaucourt, schwere Rauchwolken zogen am Horizont auf. Jetzt hörte man auch das wütende Tacken der MG und die rasch aufeinander folgenden Abschüsse der Granatwerfer. Die ersten Verluste traten ein. Lt. F. kam mit blutendem Gesicht zum Gefechtsstand, seine beiden Funker waren gefallen. Gegen 08.00 Uhr machte die 4.Batterie Stellungswechsel, die beiden anderen Batterien folgten später. Der Stab kam bis in einen Hohlweg auf dem kleinen Höhenrücken unweit Chuignes. Weiter kam er nicht. MG-Feuer von vorne und rechts. Heftigster Feindwiderstand aus den geradezu raffiniert ausgebauten Dörfern und besonders aus dem langgestreckten Foucaucourt. Unsichtbare MG- und Granatwerfernester an den Dorfrändern und in den Feldern. Hecken- und Baumschützen fast überall. Marokkaner, welche zäh diese Stellung verteidigten, lagen überall.

Tagebuch der I./AR 96:

Um 07.18 Uhr machen wir Stellungswechsel und laufen übers Feld nach vorn. Kaum kommen wir in den Sehbereich von Chuignolles, als Artillerie- und MG-Feuer auf uns niedergehen. Wir liegen immer wieder auf dem Bauch und gehen sprungweise vor, um die Be-Stelle (Anmerkung: Beobachtungsstelle) der 1. und 2. Batterie zu erreichen. Um 11.50 Uhr erreicht uns die Meldung, daß Leutnant von H. als vorgeschobener Beobachter der 1. Batterie gefallen ist. Er war beim I./IR 131 und hatte mit diesem die Römerstraße fast erreicht. Als dieses Bataillon infolge des überlegenen Feuers des Feindes zurückgehen mußte, schleppte Lt.v.H. einen verwundeten Infanteristen mit, wobei ihn eine französische Granate getroffen und seinem hoffnungsvollen Leben ein Ende gesetzt hatte.

16.15 Uhr. Große Aufregung: AVKo fordert dringend Feuer an. Im Wäldchen vor dem II./IR 131 sind zwei Panzerwagen gesichtet worden. Die Meldung geht an das Regiment und von da zur Division. Und dann wird es lebendig: Panzerjäger gehen in Stellung. Der Hohlweg wird mit R-Rollen vollgestopft. Infanteriepioniere legen Minensperren (Anmerkung: Bei diesen Infanteriepionieren kann es sich nur um Adolfs Pionierzug gehandelt haben.). Der Abteilungskommandeur befiehlt für die Be-Stelle:'Bei Panzerangriff sofort in die Feuerstellung!'
Diejenigen, die im Hohlweg sitzen und warten, müssen ihre Nerven zusammenhalten. Es ist ein ungutes Gefühl, auf einen Panzerangriff zu warten, noch dazu vergeblich zu warten, denn die beiden vermeintlichen Panzerwagen stellen sich als französische Munitionskaretten heraus.
Zur gleichen Zeit bekommt die Protzenstellung der 3. Batterie mehrere Artillerietreffer. 1 Mann, Gefreiter G. ist tot, 22 Mann sind verletzt, 22 Pferde müssen aufgegeben werden.

Tagebuch von Divisionskommandeur General Siebert:

Kurz nach 04.00 Uhr klettere ich aus den Federn, d.h. aus dem Auto, und trete hinaus in die noch dunkle Nacht. Heute also wird die erste Schlacht im Westen für uns beginnen. Wie oft schon in meinem Leben habe ich den Vorabend und den Frühmorgen vor einer solchen erlebt. Und wieder, wie immer in diesen Stunden, beschleicht mich ein eigenartiges Gefühl, das man nicht ausdrücken kann. Und immer die große Frage, die jeden berührt, den Schützen wie den General: 'Wer wird am Abend noch unter uns sein?'

Zum zweiten Mal komme ich heute früh zum bisherigen Gefechtsstand I./IR 134 vor, von wo aus der Kommandierende General und ich zu Fuß weiter vorgehen, da die feindliche Einwirkung - nun auch Infanterie- und MG-Feuer - das Fahren unmöglich machen. Schön ist das Bild nicht, das sich uns bietet. Das Vorgehen der Kompanien, das ich vorher überall habe beobachten können, scheint eingestellt zu sein. Da kommt auch schon Oberleutnant S., Regimentsadjutant/IR 134, heran und unterrichtet mich, daß sein Kommandeur, Oberst G., in einem etwa 500 Meter vor uns gelegenen Wäldchen nur mit wenigen Leuten einen Gegenangriff der Franzosen abwehrt und um Unterstützung bittet. Ein in der Nähe befindlicher Infanteriezug wird zur Unterstützung befohlen. Beim Weitergehen treffe ich einen weinenden Leutnant, der die Nerven verloren hat, einen Reserveoffizier, der bis jetzt den besten Eindruck auf mich gemacht hatte. Mit der Pistole in der Hand drehe ich ihn und seine drei Begleiter wieder um. Hart sein ist alles in solchen Augenblicken. - Übrigens hat dieser Junge sich gefangen und sich später wacker geschlagen."      
 

Interessant ist auch ein Auszug aus der Geschichte der 19. französischen Infanteriedivision, die der 44.ID in diesem Kampf als Gegner gegenübersteht. In dieser Passage wird die Schlacht aus der Sicht der Franzosen geschildert, die am 5.6. besonders dem I./IR 134 schwer zusetzen:       

"Herleville war von dem II./IR 41 - ohne 7. Kompanie - als Stützpunkt ausgebaut worden. Die beiden Kompanien (5. und 6.) mit der schweren Kompanie hatten sich lediglich im West- und Südteil der Ortschaft zur Verteidigung eingerichtet und den Nordteil mit der Kirche sowie den Nordostteil unbesetzt gelassen. Von den beiden 7,5 cm-Geschützen konnte eines nach NO in Richtung Foucaucourt, das andere in Richtung Ost nach Soyecourt wirken. Von der III./AR mot 304 (Anmerkung: III. Abteilung des motorisierten Artillerieregimentes 304) lagen zwei Batterien zwischen dem Bois d'etoile (Sternwald) und Herleville, eine direkt am Weg nach Vermandovillers in Feuerstellung; im Sternwald selbst die 7. und 9./AR 10. Die Batterien wurden von zwei Pak (4,7 cm) der Pak-Batterie 610 flankiert und von einem schwachen Zug - etwa 10 Mann - der 7./IR 41 gesichert.

Am 5.6.40 griffen die Deutschen nach kurzer Artillerievorbereitung in Stärke eines Bataillons das Dorf Herleville an, wobei ihnen das französische Feuer sicher schwerste Verluste zufügte. Teile von ihnen gelangten durch eine Schlucht bis zum Ort und mußten in der Nähe der Kirche ihr Vorgehen infolge unseres starken MG-Feuers einstellen. Auf unserer Seite wurden bereits um 05.00 Uhr durch einen Granatwerfer der Kommandeur und ein Offizier des II./IR 41 schwer verwundet, ein Ordonanzoffizier getötet. Die Geschützstellungen im Wald sowie die Unterstände für die Mannschaften und Munition waren so gut angelegt, daß sie bisher nicht entdeckt worden waren. Die Protzen befanden sich am Südrand und die Pferde waren in den Granattrichtern untergebracht, die noch von 1916 her stammten. Hier wurde das Feuer auf die deutsche Infanterie, die sich gegen 08.00 Uhr dem Wald näherte, eröffnet. Während vier Feindfahrzeuge zusammengeschossen wurden, gelang es dem Feind, sich bis zum Westrand des Waldes vorzuarbeiten und die beiden 4,7 cm Pak zu erobern. Als das vorgezogene Geschütz unter Feuer genommen wurde, war es nicht mehr möglich, dieses zu bedienen. Darauf ließ der Batterieführer ein zweites Geschütz heranholen und 100 bis 150 m von dem ersten entfernt am Waldrand abprotzen. Es gelang dann, mit beiden Geschützen abwechselnd zu schießen und den Gegner niederzuhalten.

Als wir gegen 10.00 Uhr bei den Deutschen Anzeichen zu bemerken glaubten, daß sie sich ergeben wollten, ging der Batterieführer vor, um die Übergabe zu erreichen. Dabei wurde er schwer verwundet.

Bald darauf griffen die Deutschen erneut an. Sie kamen bis auf 30 bis 40 m an die Geschütze heran und drangen an einigen Stellen in den Wald ein. Die deutschen MG nahmen die 8./AR mot 304 so unter Feuer, daß die Kanoniere nicht mehr an die Geschütze herankamen. Die Geschütze dieser und einer zweiten Batterie wurden von den Deutschen genommen, die außerdem 12 Kanoniere gefangennahmen.

Ein Artillerieverbindungsoffizier des AR mot 304 meldete dem Kommandeur IR 41 die schwierige Lage der Batterien seines Regimentes und des AR 10. Da der Kommandeur IR 41 nur die schwache 7. Kompanie ohne 1 Zug zur Verfügung hatte und sich selbst angegriffen wähnte, konnte er sich nicht entschließen, diese zum Gegenangriff einzusetzen.

Der Führer des Raupenschlepperzuges, ein Leutnant, der von der schwierigen Lage der Batterie Kenntnis hatte, machte dem Regimentskommandeur den Vorschlag, seine beiden Fahrzeuge mit lMG (Anmerkung: Leichte Maschinengewehre) zu bewaffnen, um damit gegen den Feind vorzugehen. Dieses mutige Vorhaben wurde gebilligt.

Gegen 10.30 Uhr erschienen die beiden Raupenschlepper auf dem Kampfplatz. Sie fuhren wie Panzer umher und schossen mit den lMG aus den halboffenen Deckeln ihrer Fahrzeuge auf alles, was sich im Gelände bewegte. Beim Feind entstand daraufhin eine große Verwirrung. Teile, die noch Widerstand leisteten, wurden zusammengeschossen, andere flohen oder ergaben sich. Bis gegen 11.30 Uhr gelang es, die Batterien der II./AR mot 304 zu befreien.

Um diese Zeit dauerte der Kampf am Bois d'etoile noch an. Gegen 12.30 griffen die Deutschen ein drittes Mal an, doch wurden sie erneut zurückgeschlagen. Die beiden vorgeschobenen Geschütze eröffneten wieder das Feuer und schossen dabei ein Geschütz der III./AR mot 394 zusammen, das die Deutschen genommen und gegen den Wald in Stellung gebracht hatten.

In diesem Augenblick kamen die beiden Raupenschlepper heran, um auch hier zu helfen. Der Feind, der von den Artilleristen am Waldrand abgeschlagen worden war, verlor nunmehr den Mut. Er glaubte es mit Panzern zu tun zu haben. Nach einem mehrere Stunden andauernden wilden Kampf legte er nach und nach die Waffen nieder, um sich zu ergeben, da in dem vollkommen offenen Gelände kein Entrinnen möglich war.

Um 15.30 Uhr wurden 216 deutsche Gefangene vom I./IR 134, unter denen sich 5 Offiziere mit dem Bataillonskommandeur befanden, zum Gefechtsstand des IR 41 nach Vermandovillers geführt.

Um 20.00 Uhr war in und um Herleville der Kampf beendet."
 

Die schweren Verluste der deutschen Truppen haben gezeigt, daß die Taktik die Ortschaften zu umgehen nicht richtig war. Die Divisionsführung befiehlt daher für den 6.6. diese zu Festungen ausgebauten Dörfer anzugreifen und zu nehmen. 

Während das IR 132 auf die Ortschaft Foucaucourt angesetzt wird und dabei schwerste Verluste erleidet, gelingt es dem III.Bataillon von Adolfs Infanterieregiment 131 die Ortschaft Chuignolles zu erobern. Der Bataillonskommandeur Oberstleutnant Eibl erhält für diese Tat das Ritterkreuz verliehen (Oberstleutnant Eibl ist Anfang 1943 im Rußlandfeldzug als Kommandierender General eines Panzerkorps und Träger des Eichenlaubs mit Schwertern gefallen).   
 

Der Ablauf des Gefechtes wird im folgenden Bericht aus der Divisionsgeschichte der 44.ID beschrieben:

"Am Nachmittag des 6.6.40 bekam unser Bataillon den Auftrag, Chuignolles zu nehmen, um damit die ständige Flanken- und Rückenbedrohung aus diesem Stützpunkt auszuschalten. Das Bataillon, verstärkt durch Flammenwerfer der 3.(mot)/Pi.80 (Anmerkung: 3. motorisierte Kompanie des Pionierbataillons 80), griff den Ort aus einem Waldstück ostwärts von Chuignolles aus an, während ich mit einem sMG-Zug und einer sGrW-Gruppe (Anmerkung: schwere Granatwerfergruppe) nördlich des Ortes am gegenüberliegenden Hang in Stellung ging, um den Angriff zu unterstützen. 
Nach der Erkundung der Feuerstellungen und Einweisung des Zug- und Gruppenführer nahm ich Verbindung zu der in der Nähe befindlichen Be-Stelle einer Batterie der Nachbardivision (87.ID) auf.
Zur festgesetzten Zeit begannen wir im Verein mit der Batterie die Feindstellungen unter zusammengefaßtes Feuer zu nehmen. Die Batterie erzielte bald Volltreffer in MG- und sonstigen Widerstandsnestern, aber auch unser MG- und Granatwerferfeuer lag gut. Im Schutze des Feuers konnte der Angriff gut vorankommen, wobei zahlreiche Gefangene gemacht wurden.

Am Ortsrand von Chuignolles richteten wir uns dann zur Verteidigung ein, um einen etwaigen Gegenangriff abwehren zu können. Heftiges feindliches Störungsfeuer in der Nacht deutete darauf hin, daß der Feind abzog."
 

Und so ist es auch. Als am nächsten Morgen deutsche Spähtrupps vorsichtig das Vorfeld der Front erkunden, stellen sie fest, daß die feindlichen Stellungen in der letzten Nacht geräumt wurden. Die Division kann nun endlich nach diesen verlustreichen Kämpfen der letzten beiden Tage, so sind alleine in Adolfs IR 131 über 100 Mann gefallen, die Verfolgung aufnehmen. Der weitere Vormarsch, der immer wieder durch Nachhutgefechte unterbrochen wird, führt die Division an Paris vorbei, über Orleans und Poitiers bis nach La Rochelle an die Atlantikküste, wo die Division  ab Anfang Juli Sicherungsaufgaben übernimmt. Nachdem die stürmischen Tage der Verfolgung vorbei sind, kann die Divisionsführung Bilanz ziehen, und die fällt sehr blutig aus. Der Feldzug hat fast 500 Soldaten das Leben gekostet, mehr als 1000 Mann wurden verwundet.
 
Adolf Kaipel hat die ersten schrecklichen Tage des Kampfes miterlebt, ist dann allerdings aufgrund eines eingewachsenen Zehennagels in ein Lazarett eingeliefert worden. Als er nach einigen Wochen wieder zu seiner Stammkompanie nach Marennes kommt, ist er entsetzt über die hohe Zahl an Toten und Verwundeten in seiner Einheit.

An dieser Stelle möchte ich zum ersten Mal auch an das Schicksal meines Onkels Hans Bundschuh erinnern, der ebenfalls im Rahmen der 44.ID den Frankreichfeldzug und den Feldzug in Rußland mitgemacht hat. Hans Bundschuh war auch Pionier, zum Unterschied von Adolf aber kein Infanteriepionier. Er versieht daher seinen Dienst nicht in einem Infanterieregiment sondern im Pionierbataillon 80, das in Klosterneuburg aufgestellt wurde.

Während von Adolf sehr viele Briefe erhalten sind, hat uns Hans vorallem Fotos hinterlassen, die den Weg der 44.ID und das Leben der Soldaten in Frankreich und in Rußland dokumentieren. Über sein trauriges Schicksal, das durchaus mit dem von Adolf verglichen werden kann, werde ich noch berichten. Man kann davon ausgehen, daß alles was auf diesen Seiten berichtet wird, auf beide im gleichen Maß zutrifft. Vom Frankreichfeldzug sind viele Fotos erhalten geblieben, die in der Fotogalerie zu betrachten sind. Hans hat die Gelegenheit gehabt, Paris zu besuchen und er hat einige herrliche Fotos von dieser wunderschönen Stadt gemacht. 

Die Division bleibt bis Mitte März 1941 als Besatzungstruppe im warmen Frankreich. Im Vergleich mit dem, was in wenigen Monate auf die Soldaten hereinbrechen wird, lebt man an der Atlantikküste wie 'Gott in Frankreich'. Diese für die 44.ID ruhige Zeit wird nur durch die Vorbereitung für das Unternehmen 'Seelöwe', dem Plan für die Eroberung der Britischen Inseln, gestört. Es kommt aber nie zur Realisierung dieses Planes, da die Grundvoraussetzung für eine Landung an Englands Südküste, nämlich die Erringung der Luftherrschaft über den Inseln durch die Deutsche Luftwaffe, nicht erreicht wird. Der Kampf der Luftflotten beider Länder, der unter der Bezeichnung 'Battle of Britain' in die Geschichte eingeht, bedeutet nicht nur Hitlers erste Niederlage in diesem Krieg sondern auch eine empfindliche Schwächung seiner Luftwaffe, von der sie sich nie wieder erholen wird.                      
 

Dokumentart: Brief
Absender: Adolf Kaipel
Absendedatum: 19.5.1940
Absendeort: 
Empfänger: Familie Kaipel
Empfangsort: Riedlingsdorf

Liebe Mutter!
Am Muttertag denkt besonders weit im Feindesland Dein liebes Kind an Dich. So gerne wäre ich an diesem großen Tag bei Dir, an dem mir auch das Leben von Dir, liebe Mutter, geschenkt wurde. Weit blicken meine Augen in das Feindesland und müde bin ich schon von allem. Wir haben nun wieder große Strapazen, am Tage 40 bis 60 Kilometer, zu erdulden. Den ganzen Tag Durst, ach wie oft denke ich an Dich, an Deine sorgenden Hände.
Liebe Mutter, wenn Du mir einmal ein Paket schickst, so bitte ich Dich um Zitronade. Hans hat in seinem Geschäft immer welche gehabt, vielleicht ist noch ein Vorrat.
Außer Müdigkeit und großen Durst geht es mir noch ganz gut. Arbeitet der Vater noch immer? Es geht sich schlecht mit dem Schreiben aus. 
Lasse alle herzlich grüßen. Aus dem Feindesland in treuen Gedanken 
Dein Adolf.    
Im Feldquartier auf hartem Stein
streck ich die müden Glieder,
und sende in die Welt hinein
den Liebsten meine Lieder.
                                  Adolf
 

Dokumentart: Brief
Absender: Adolf Kaipel
Absendedatum: 25.5.1940
Absendeort: 
Empfänger: Familie Kaipel
Empfangsort: Riedlingsdorf

Liebe Mutter!
Vor allem die herzlichsten Grüße und ich wünsche allen Gesundheit, was ich Gott sei Dank noch bin. Wir haben endlich nach endlosen Marsch am Nachmittag frei. Trotzdem es wohl nicht zu verdenken wäre, und ich es mir von der notdürftigen Rest absparen muß, werde ich es, liebe Mutter, nie unterlassen Dir zu schreiben. Diese Tage waren für uns eine größere Anstrengung als in Polen. Manchmal waren wir so fertig, daß wir keinen Schritt weiterkonnten. Unter 45 Kilometer wurden wir niemals fertig, und das steigerte sich jeden zweiten Tag bis 64 oder 68 Kilometer. Unsere Augen erblickten Luxemburgs, Belgiens und Frankreichs Auen. Und gerne will ich alles mitmachen und Du, liebe Mutter, sollst nicht viele Sorgen auf Dich laden. 
In dieser Gegend sind die Einwohner alle, bis auf einige die geblieben sind, mit dem französischen Militär zurückgegangen und haben Hab und Gut zurückgelassen. Schweine, Kühe und Pferde sind in Massenherden im Grünen. Es gibt hier eine ausgezeichnete Rinderzucht. Am liebsten möchte ich gleich mit zehn bis zwanzig nach Hause fahren, doch für uns ist das alles unzugänglich. Für uns heißt es nur vorwärts. Wir dürfen nicht die Rosen pflücken, die am Wege blühen. Sedan hatten wir dieser Tage links liegen gelassen.
Wenn wir wieder einmal zusammenkommen, dann kann ich Euch viel erzählen. So stark die Maginotlinie auch gebaut war, für den Willen des Führers war sie doch kein Hindernis. 
Ihr werdet jetzt viel Arbeit haben, wenn doch der Samuel zu Hause wäre. Vielleicht erhört der liebe Gott unsere Bitte, daß wir bald alle in unsere Heimat einkehren dürfen. Was macht der Vater? Arbeitet er noch immer, was ich wohl glaube. Schreibt mir einmal, habe noch nichts von Euch gehört. Glaub mir, liebe Mutter, Samuel tut mir leid. Wollte gerne für ihn alles übernehmen. 
Grüße mir, liebe Mutter, alle von mir. Vater soll fleißig arbeiten. Er soll denken, daß seine Kinder unter größter Gefahr ihren Dienst tun müssen. 
Nochmals herzliche Grüße aus der weiten Ferne. Bleib stark, liebe Mutter, der liebe Gott verläßt uns nicht.
Dein Adolf      
 

Dokumentart: Brief
Absender: Hans Nika
Absendedatum: 10.6.1940
Absendeort: 
Empfänger: Familie Kaipel
Empfangsort: Riedlingsdorf

Liebe Familie Kaipel!
Ich muß Euch ja auch wieder mal einige Zeilen von unserer neuen Front bekanntgeben. Ich bin noch immer sehr gesund, was ich auch von Euch zu Hause erwarte. Ihr werdet es ja sicher erfahren haben, daß wir von Wien weggefahren sind. Seit 1.6. sind wir schon auf dem Marsch durch Belgien, gestern haben wir französischen Boden erreicht. Wir haben wohl unterdessen auch Rast, im Durchschnitt machen wir 30 bis 40 km täglich. Neues gibt es sonst nicht viel bei uns. Die Zeit ist jetzt wirklich sehr schön fürs marschieren.
Wie steht es jetzt mit dem Adolf und dem Samuel, sind sie auch an der Westfront? Ich habe Ihnen wohl auch schon geschrieben, aber noch nichts erfahren, wahrscheinlich haben sie auch nicht viel Zeit, denn manchmal geht es sich beim besten Willen nicht aus.
Ihr werdet zu Hause jetzt sicher viel Arbeit haben. Wenn uns nur der Allmächtige beisteht und wir den Krieg gut zu Ende führen können, dann muß man halt das Versäumte wieder nachholen. 
Somit schließe ich mein Schreiben und wünsche Euch allen Gesundheit, auf ein baldiges Wiedersehen! 
Es grüßt Euch          Hans.
 

Dokumentart: Brief
Absender: Adolf Kaipel
Absendedatum: 11.6.1940
Absendeort: 
Empfänger: Familie Kaipel
Empfangsort: Riedlingsdorf

Meine Lieben!
Komme wieder dazu Euch aus der Ferne herzliche Grüße zu senden. Bin mit meiner Verletzung in ein Lazarett nach Eben Ezer gekommen. Nach Aussage des Arztes werde ich bald wieder kuriert sein. Nur den großen Zehennagel ließ ich in Frankreich. Und noch dazu meine Haare, denn ich bin glatt rasiert wie ein Gefangener. Ich habe von Frankreich bis hier acht Tage gebraucht.
Habe nun ein schönes Stück Land gesehen. Ein Land wie Luxemburg, das ist bestimmt in Ordnung so schön und rein. Auch Belgien ist ganz schön, nur wurde viel zerstört. Alle Brücken wurden ein Opfer sowie viele Häuser, fast schlimmer als in Polen.
Man kann fast sagen, dem Führer hat uns Gott gesandt. Alles was sich seinem Willen entgegenstellt, wird dem Erdboden gleichgemacht. Die großen Festungen Frankreichs sind entweder fluchtartig vom Feind geräumt worden oder nur noch ein Trümmerhaufen. Die Somme, ein Fluß der zum Kanal fließt, war im Weltkrieg ein großes Schlachtfeld. Friedhof an Friedhof reihen sich.
Und nun zum Schluß sollte es Kirschen geben, dann, liebe Mutter, legt welche ein. Heuer gibt es ein schönes Wiedersehen mit dem Frieden.
Herzliche Grüße mit einem Sieg Heil.
Euer Adolf.    
 

Dokumentart: Brief
Absender: Maria Halwachs
Absendedatum: 14.6.1940
Absendeort: Pinkafeld 
Empfänger: Adolf Kaipel
Empfangsort: 

Mein liebstes Brüderlein!
Vor Freude und Entsetzen über Deine Karte weiß ich nicht was geschehen ist. Wenn Du nur lebst. Es wird alles wieder gut werden. Seit 3.6. haben wir noch kein Schreiben bekommen. Man hörte, daß am 4. und 5. die schwersten Schlachten waren. Nachher wurden drei Tage jeweils eine Stunde lang die Glocken für die gefallenen Soldaten geläutet. Heute ist schon der 14., da wurde wieder geläutet, diesmal für den Sieg von Paris. Glaube mir, mein lieber Bruder, ich bin schon ganz müde und meine Augen fallen mir oft zu vor lauter Sorge um Dich. Die Nächte konnte ich nicht schlafen, obwohl wir Dich immer in Gottes guter Vaterhand legten. Die Mütter wurden alt aus Angst um Ihre Söhne. So oft geläutet wurde, bricht ein lautes Weinen aus, weil man ja nicht weiß, ob nicht einer der Lieben dabei ist.
Unsere Hausfrau weinte heute den ganzen Tag, der Schander hat schon lange kein Lebenszeichen von sich gegeben. Der Franz hat gestern geschrieben, daß er schon das Weltende gesehen hat. Er mußte sich in die Erde eingraben und viele seiner guten Kameraden kamen grauenhaft ums Leben. Mit Schwarzen, so schwarz wie die Ofenplatte, mußten sie kämpfen. Es wurde uns ganz übel, es war nun höchste Zeit, lieber Adolf, daß Du ein Lebenszeichen von Dir gegeben hast. 
Jetzt fühle ich, daß ich Hunger bekomme und daß ich heute einmal gut schlafen werde. Man konnte nicht mehr essen oder schlafen. Wir kämpfen auch mit, obwohl wir nicht helfen können. Ein baldiges Wiedersehen wäre wohl keine Sünde.
Neues kann ich Dir schreiben, daß unser Vater in Ulm an der Donau ist. Viele Männer und Burschen müssen wöchentlich gehen. Bei uns im Haus ist niemand mehr als der Hausherr. In der Heimat ist alles totenstill. Es geht alles geduldig voran. Es bleibt nur die Sehnsucht zurück. An der Maginotlinie glaubten wir die Toten vor unseren Füßen liegen zu sehen und heute sind es nur noch ein paar Kilometer bis Paris? Man muß Gott danken, denn er sagt: "Meine Gedanken sind nicht Eure Gedanken und meine Wege sind nicht Eure Wege." Der liebe Gott führte alles herzlich aus. Wir können sagen, daß Gott mit uns im Bunde ist.
Also jetzt gute Nacht, liebes Brüderlein. Ein Stein ist mir vom Herzen gefallen. Werde bald wieder gesund und komme bald nach Hause.
Es grüßen Dich Deine Schwester und die Kinder.          
 

Dokumentart: Brief
Absender: Familie Kaipel
Absendedatum: 17.6.1940
Absendeort: Pinkafeld 
Empfänger: Adolf Kaipel
Empfangsort: 

Lieber Adolf!
Haben Deinen Brief samt der schönen Karte mit größter Freude erhalten. Wir bekommen gleich neuen Mut, wenn wir von Euch einen Brief lesen können. Lieber Adolf, wir kränken uns auch wegen Samuel, da wir seit 3.6. keinen Brief mehr von ihm erhalten haben. Damals hat er uns geschrieben, daß wir uns nicht kränken sollen. Ihm geht es sehr gut. Schicken brauchen wir nichts. Sie bekommen alles was sie brauchen und Geld haben sie auch genug. Er schrieb auch, daß wir nicht traurig sein sollen, wenn länger keine Post kommt. Jetzt ist er nicht mehr im Reich.
Lieber Adolf, wie geht es Dir?  Hoffentlich wird es nicht gefährlich sein. Lieber Adolf, schreibe uns gleich zurück, ob wir Dir jetzt etwas schicken können und schreibe uns auch, was Du gerne hättest. Du kannst Dir denken, wie schwer es für uns ist, daß wir Dir an Deinem Krankenbett nicht beistehen können. Wir haben Dir auch ein kleines Packerl geschickt, mit kleinen Zuckerl und Zitronen. Hast Du es erhalten? Zurückgekommen ist es noch nicht. 
Lieber Adolf, wir haben jetzt auch viel Arbeit. Wir sind jetzt beim Mähen. Bis jetzt hat sich noch niemand erbarmt, daß uns jemand geholfen hätte, aber wir werden es auch alleine nach Hause bringen, wenn gleich es uns nicht leicht fällt. Wir müssen uns denken, so wie Du und Samuel auch kämpfen müßt und wir bekommen beide keine Unterstützung für Euch.
Lieber Adolf, Halwachs Josef ist schon nach 14 Tagen nach Graz gekommen. Er hat gut schießen können und jetzt hat er gleich fort müssen. Sein Leutnant hat gesagt, wenn er zwölf gute Schüsse macht, dann kann er acht Tage auf Urlaub nach Hause, aber dann sind sie fort mit ihm. Dein Bruder Hans kann am 29.6. für unbestimmte Zeit abrüsten. Lieber Adolf, schreibe uns wieder bald, wie es Dir geht. Wir sind sehr neugierig und sehr besorgt um Dich. Gott möge es geben, daß bald Frieden wird und Du gesund in Deine Heimat ziehen kannst. 
Somit bist Du auf das Herzlichste gegrüßt von uns allen zu Hause. Wir wünschen Dir Gesundheit und ein baldiges Wiedersehen. Nochmals mit deutschem Gruß  Heil Hitler. Deine Schwägerin.
Wir weinen alle beide. Gott mit Dir.

Liebes Kind. Wo bist Du? Wie geht es Dir? Deine Mutter ist im Traum bei Dir im Spital gewesen, bevor wir etwas von Dir gehört haben. Ich habe Deinen Kopf eingebunden, aber leider, mein Kind, kann das nicht sein. Ich bete und weine und Gott wird meine Stimme hören und meinem Kind in der großen Schlacht helfen und bei ihm sein. Lieber Adolf, die Kirschen sind rot und Du siehst sie nicht, aber Dein Teil wird aufbewahrt bis Du kommst. Lieber Adolf, sei vielmals gegrüßt und geküßt von Deiner Mutter, die um Dich trauert.
Bitte um Antwort. Gott mit Dir. 
 

Dokumentart: Brief
Absender: Adolf Kaipel
Absendedatum: 18.6.1940
Absendeort: Lungo 
Empfänger: Maria Halwachs
Empfangsort: Pinkafeld

Liebe Schwester!
Habe Deinen Brief nach langersehnten sechs Wochen mit viel Freuden erhalten. Ich glaubte, man hat mich vergessen, da ich seit unserem Aufbruch überhaupt kein Schreiben erhalten habe. Obwohl Du von Euch zu Hause nichts schreibst, nehme ich an, daß alles noch in bester Ordnung ist, ansonsten hättest Du bestimmt Andeutungen gemacht. Es tut mir leid, daß Du von Samuel nichts schreibst,  oder weißt Du vielleicht auch nichts? Jetzt wird es wohl wieder lange dauern, bis ich von Dir wieder etwas hören werde, denn ich werde dieser Tage, Donnerstag oder Freitag, das Lazarett verlassen. Ich komme vorläufig nach Köln. Ob ich nach Frankreich zu meinen Kameraden nachkomme ist fraglich, da ja Frankreich kapitulierte und wenn, dann sehe ich bestimmt Paris.    
Es war mir direkt eine Qual so herumzuliegen, während meine Kameraden kämpfen mußten. Jetzt möchte ich noch gerne England sehen.
Gott sei Dank, daß ich wieder meinen Stiefel anziehen kann. Ich gehe jeden Tag von 1 bis 6 in der Stadt spazieren. Wir bekommen alles was unser Herz begehrt. Ja, unser Führer hat an alles gedacht. Die Schwestern und die Bevölkerung sind so gut zu uns, da können sich die Spießbürger zu Hause eine Scheibe abschneiden. Bei unserer Herfahrt durch französisch-belgisches sowie deutsches Gebiet gab es für uns auf jedem Bahnhof Erfrischungen, Kaffee oder belegte Brote. Auf deutschen Bahnhöfen kamen sogar Frauen, die ihr Mittagessen den verwundeten Soldaten brachten. An einen Urlaub denke ich noch gar nicht, es heißt ja auch, nach Hause gehen wir nicht, bis daß der Krieg aus ist.
...
Von einem Gefangenentransport sprang einer raus und biß einem Unteroffizier die Gurgel durch. Mit solchen Bestien führten die vermenschten Franzosen und Engländer Krieg. Nicht einmal die Verwundeten ließen sie in Ruhe. So bombardierten die Engländer unsere Lazarette und Verbandsplätze.
Bist Du nicht wieder ein Schreiben von mir erhältst, schreibe bitte nicht.
Und nun zum Schluß an alle herzliche Grüße, besonders Mitzerl und den kleinen Prinzen. Auch der Mutter und allen zu Hause.    
Adolf 
 

Dokumentart: Brief
Absender: Hans Nika
Absendedatum: 14.7.1940
Absendeort: 
Empfänger: Adolf Kaipel
Empfangsort: 

Lieber Kamerad!
Ich muß Dir nach langer Zeit wieder mal einige Zeilen schreiben, bei diesem dauernden Wandern kommt man ja gar nicht dazu. Ich war ja damals ganz entsetzt, als ich erfuhr, daß Du verwundet worden bist. Ich hoffe, daß diese Verletzung doch bald wieder gut wird. Jetzt hast Du schon den ganzen Krieg mitgemacht und ist Dir nichts passiert, so wird Dir auch weiterhin der Allmächtige beistehen, daß Du wieder in bester Gesundheit die Heimat wiedersehen kannst. Ich habe selbst schon ein großes Verlangen, mit Dir so manche Stunden zu verbringen. Es ist ja doch schon sehr lange her, als wir das letzte Mal beisammen waren.
Lieber Adolf, vom Samuel habe ich auch vor kurzem ein Schreiben bekommen, es muß ihm auch noch ganz gut gehen in Norwegen, er wird sicher auch allerhand mitgemacht haben. 
Lieber Adolf, wir haben immer das Glück gehabt, daß wir in diesem Krieg überhaupt nicht an die vorderste Front gekommen sind. Wir sind nur immer als Reservewelle hinterher marschiert. Also wenn wir nicht am Westwall gewesen wären und Granateneinschläge beobachtet hätten, würden wir überhaupt nichts vom Kriege wissen. Wir hatten hier in Frankreich nur Marsch, von Aachen über Lüttich nach Paris, dann westlich fast ans Meer und jetzt wieder zurück über Compiegne. Ich hatte auch die Gelegenheit den historischen Platz im Wald von Compiegne zu sehen. Denkmäler und Gedenksteine waren noch vorhanden, aber der Salonwagen, in dem der Waffenstillstand unterzeichnet wurde, war nicht mehr vorhanden, der wird wohl schon sicher seinen Platz in Berlin gefunden haben. 
Jetzt befinden wir uns schon wieder ein schönes Stück nordöstlich, wo wir dann nach einigen Tagen verladen werden, wo es dann hingeht, weiß man noch nicht, sicherlich aus Frankreich zurück. So kommt man im Leben herum, das wird einmal eine schöne Erinnerung sein. Nun schließe ich mein Schreiben und wünsche Dir recht baldige Gesundheit, hoffentlich gibt es bald ein Wiedersehen.
Es grüßt Dich Dein Kamerad Hans.
Heil Hitler!      

 
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