Der Winter 1939/40 in Niedersachsen

 
Diese Internetseite zitiert eine Reihe von Briefen von Personen, die zum Zeitpunkt der Erstellung dieser Schreiben noch nicht unser heutiges Wissen über die grausamen Konsequenzen des Nationalsozialismus und des 2.Weltkrieges gehabt haben. Wenn man diese Briefe liest, sollte man diesen Umstand berücksichtigen. Der Leser sollte vielmehr versuchen, aus den Briefen die Stimmung, die Ängste und die Hoffnung der Menschen abzuleiten. Dadurch wird es ihm vermutlich leichter möglich sein zu verstehen, was die Menschen in dieser so furchtbaren und für uns so fernen Zeit empfunden haben.
Sollten die Briefe an manchen Stellen nationalsozialistische Ideen oder den Krieg verherrlichen, dann ersuche ich den Leser dies aus Gründen der Authenzität der Briefe zu akzeptieren. Solche Textstellen spiegeln jedoch nicht den Geist dieser Internetseiten wieder, ganz im Gegenteil, das Ziel dieser Dokumentation ist den Leser darauf hinzuweisen, wie wertvoll Friede und Völkerverständigung sind und welche furchtbaren Konsequenzen Krieg und Völkerhaß haben. 
Der Winter 1939/40 in Niedersachsen 

Die Soldaten der 44.ID rechnen damit, daß sie an den Westwall verlegt werden. Diese  Verteidigungsanlage ist zum Zeitpunkt des Polenfeldzuges nur mit schwachen deutschen Einheiten besetzt, da sich die Masse des Heeres in Polen aufhält. Als Frankreich und England am 3.9.39 den Deutschen den Krieg erklären, glauben viele, daß nun Deutschland in einen Zweifrontenkrieg hineingezogen wird. Die Franzosen besetzen auch sofort ihrerseits die Verteidigungsstellungen, die berühmte Maginotlinie, und die Briten schicken ein Expeditionskorps nach Frankreich, doch sonst geschieht nichts. Die Westmächte lassen den Schwächemoment der Deutschen ungenützt vorüberziehen und nach dem Ende des Feldzuges in Polen werden sofort die meisten deutschen Kampfdivisionen in den Westen verlegt. Dort sitzen sich nun Deutsche und Franzosen bzw. Engländer in ihren Verteidigungsstellungen gegenüber. Lokale Spähtruppunternehmen führen zwar gelegentlich zu Schießereien, es gibt auch immer wieder Unfälle (siehe Brief 047), doch sind es für die eingesetzten Soldaten, ganz allgemein gesehen, ruhige Monate. Diese Zeitspanne zwischen den Feldzügen wird daher auch "Sitzkrieg" genannt.      
 
Wie aus den Briefen von Hans Nicka, dem besten Freund von Adolf Kaipel, zu entnehmen ist, befinden sich auch zahlreiche Männer aus Riedlingsdorf am Westwall. Sie dürften alle zur 262. Infanteriedivision gehören, die im Sommer 1939 aufgestellt worden ist und nun am Westwall ihren Dienst versieht.

Die 44.ID wird in der Zwischenzeit bereits mit der Bahn in Richtung Reich transportiert. Die Freude unter den Soldaten ist groß, als sie bemerken, daß es nicht an den Westwall sondern in Richtung Norden nach Niedersachsen geht. Die Division wird im Raum zwischen Harz und Weser in kleinen Städten und Dörfern untergebracht. So wird das Kommando und das I.Bataillon des Infanterieregimentes 131 in Bad Gandersheim stationiert. Die Soldaten der Division werden von der Bevölkerung herzlich empfangen und alle werden ausschließlich in Einzelquartieren untergebracht, so daß fast jede Familie ihren "eigenen" Soldaten bekommt. Die niedersächsischen Quartiergeber und die Soldaten aus Niederösterreich und Wien verstehen sich auf Anhieb prächtig. Verschiedene Kompaniefeste und Bunte Abende tragen dazu bei, daß sich zwischen Gastgebern und Gästen aufrichtige Freundschaften entwickeln. Wie man aus dem eingangs angeführten Brief von Walter Hirschberg entnehmen kann, überdauert zumindest die Erinnerung daran Jahrzehnte.

In der Divisionsgeschichte ist über diese Zeit nachzulesen:

"In der Erinnerung wach ist auch der winterliche Zauber der Städtchen mit ihren behäbigen Bürgerhäusern und ihren oft berühmten Kirchen und Profanbauten im Stil der Weser-Renaissance. Da tauchen vor den Augen wieder die mehr als elfhundertjährige 'Roswithastadt' Bad Gandersheim mit dem romanischen Münster, dem alten Rathaus und der ehemaligen Abtei auf, die trauliche 'Wilhelm-Raabe-Stadt' Eschershausen mit dem benachbarten, ehrwürdigen ehemaligen Zisterzienserkloster Amelungsborn, das mittelalterliche Einbeck, die Urheimat des Bockbiers, mit seinen beachtlichen Kirchen und reich verzierten Patrizierhäusern. Da gehen die Gedanken zurück in die 'Münchhausenstadt' Bodenwerder an der Weser mit ihren historischen Bauten, in die Nachbarorte Kemnade mit der tausendjährigen Klosterkirche und Hehlen mit dem Schulenburg'schen Wasserschloß. Man sieht das so schön geschlossene Stadtbild von Alfeld an der Leine vor sich, das schöne Vorharzstädtchen Seesen, das Landstädtchen Moringen im hirschereichen Solling mit der ehemaligen Wasserburg und der über tausendjährigen St.Martinikirche. Da liegen die prächtigen Fachwerkhäuser der 'Homburgstadt' Stadtoldendorf vor uns und die gepflegten, vornehmen Kuranlagen des weltberühmten Bades Pyrmont." 

Adolf wird von der Familie Hirschberg mehr als nur freundlich aufgenommen. Er ist sehr der bald der beste Freund der beiden Söhne, Walter und Helmut Hirschberg. Auch mit den Eltern hat er ein sehr gutes Verhältnis, so daß er in manchen Briefen von "meinen Pflegeeltern" schreibt. Heute wissen wir, daß diese Freundschaft, so wie viele andere Freundschaften auf beiden Seiten der Front, nicht unter einem guten Stern gestanden ist, denn der Krieg hat sie zerstört. Während sich Adolfs Schicksal einige Jahre später in Rußland erfüllt, macht der Krieg mit seinen Folgen, wie dem Brief von Walter Hirschberg zu entnehmen ist, auch vor der Familie Hirschberg nicht halt.

Natürlich geht trotz der schönen Zeit bei der 44.ID die Ausbildung unvermindert weiter. Anfang Jänner 1940 werden bei allen drei Infanterieregimentern Pionierzüge aufgestellt. Auch Adolf meldet sich für einen Ausbildungslehrgang, der am 7.1.40 beim Pionierbataillon 80, das in Holzminden untergebracht ist, beginnt (siehe Brief 192 vom 8.1.40 und Brief 205 vom 20.1.40). Für Adolf bedeutet dieser Lehrgang nicht nur, daß sich nun seine militärische Tätigkeit grundlegend ändert, er muß nun von seinen Kameraden von der zweiten Kompanie Abschied nehmen, denn der Pionierzug ist organisatorisch der Stabskompanie des Infanterieregimentes 131 unterstellt. In der Stabskompanie 131 verbleibt Adolf bis zum Ende seines militärischen Lebens.

Anfang Jänner 1940 wird ein Bataillon der 44.ID an die in Aufstellung befindliche 297. Infanteriedivision abgegeben. Auch Adolfs Freund Hans Nicka befindet sich in einem Marschbataillon, das zur Aufstellung der 297.ID unterwegs ist (siehe Brief 039 vom 10.2.40). Man kann heute die Spekulation anstellen, daß beide Freunde mit etwas Glück in dieser neuen Infanteriedivision zusammengekommen wären, doch hätte sich dadurch ihr Schicksal nicht grundsätzlich geändert, denn auch die 297.ID ist wie die 44.ID in Stalingrad untergegangen. Den beiden Freunden blieb dieses Schicksal ihrer 200.000 österreichischen und deutschen Kameraden erspart, da sie bereits am Beginn der deutschen Sommeroffensive 1942 gefallen sind, Adolf am 6.7. in Kupjansk und sein bester Freund Hans drei Wochen später am Tschir.

Doch noch schreiben wir das Jahr 1940 und Anfang März sind die Einheiten der 44.ID zum Truppenübungsplatz Sennelager bei Paderborn unterwegs, wo intensive Schießausbildung unter Gefechtsbedingungen betrieben wird. Die Stimmung während der Übung ist prächtig, sie wird erst beim Rückmarsch durch den Befehl getrübt, daß die Einheiten des Infanterieregimentes 131 mit denen des IR 134 die Quartiere tauschen müssen. Diese unverständliche Entscheidung erzeugt natürlich nicht nur unter den Soldaten böses Blut sondern auch unter den Quartiergebern, die sich schon so an "ihre" Soldaten gewöhnt haben.

Das Leben geht aber weiter und bald fordert der Krieg wieder sein Recht. 
 

Dokumentart: Brief
Absender: Hans Nicka 
Absendedatum: 8.10.1939
Absendeort: Westwall
Empfänger: Adolf Kaipel
Empfangsort: Feldquartier

Lieber Kamerad!
Endlich habe ich von Dir die Adresse bekommen. Hoffentlich bist Du noch immer sehr gesund. Du wirst bis jetzt bestimmt schon viele schwere Stunden und Tage erlebt haben wie ich. Hoffentlich ist Dir der Allmächtige jederzeit beigestanden, daß Dir kein Leid zugestoßen ist.
Lieber Adolf, mir geht es bis jetzt noch immer sehr gut und gesund bin ich auch noch immer. Wir sind auch im Altreich gerade in entgegengesetzter Richtung wie Du, an dieser Stelle wohin jetzt die ganze Aufmerksamkeit gelenkt wird. Bis jetzt können wir von einem Krieg wohl noch nicht viel sagen. Wir sind bei den Bauern im Quartier fast jeder allein. Wir haben schöne Betten, die Leute sind sehr entgegenkommend und kameradschaftlich. Es ist ein großer Unterschied von zu Haus und hier. Die Quartiergeber schauen auf uns wie Eltern. Die Arbeit ist nicht zu anstrengend, manchen Tag heißt es wohl schon um 4 oder 5 Uhr heraus, das macht man aber gern, wenn der Krieg nur so zu vollenden wäre. Es sind auch noch andere Riedlingsdorfer bei meinem Bataillon: Huber Karl, Schranz Tobias, Fleck Adolf, Weiß Pep, Binder Michael und Arthofer Johann (Ortbau). Bei uns sind meistens Reservisten, nur die Chargen sind aktiv.
Lieber Adolf, ich habe öfters an Dich gedacht, am liebsten wäre ich bei Dir gewesen. Bevor ich eingerückt bin, habe ich schon an Dich gedacht. Einige Riedlingsdorfer sind um vier Tage vor mir eingerückt. Diese paar Tage wären aber bald nicht auszuhalten gewesen. So oft mir jemand begegnete, fragten sie mich, ob ich noch zu Haus wäre. Zu meiner Mutter sagten einige, solche, die Weib und Kinder haben, gehen und andere sind wohl zu Hause. Andere sagten zu meiner Schwester, ich wäre doch illegal und sollte ja der erste an der Front sein, das sieht so aus wie wenn uns allein das Vaterland gehören würde. Daraus sieht man gleich, wie kameradschaftlich die Leute sind. Lieber Adolf, Du kannst froh sein, daß Du längere Zeit fort bist.
Lieber Adolf, hoffentlich können wir unsere Zukunft glücklich vollenden und uns und der kommenden Generation eine blühende Zukunft schaffen.
Wir halten immer fest und treu zusammen und folgen unserem Führer auf Leben und Tod.
Dein Kamerad Hans.
Heil Hitler!
Meine Adresse:  Soldat Hans Nicka
                          Postsammelstelle Salzburg 16075
 

Dokumentart: Brief
Absender: Hans Nicka 
Absendedatum: 22.11.1939
Absendeort: Westwall
Empfänger: Adolf Kaipel
Empfangsort: Feldquartier

Lieber Kamerad!
Ich habe Deinen Brief aus der Heimat dankend erhalten. Gesund bin ich auch noch immer, was ich auch von Dir hoffe. Ich glaube, Du wirst Deinen Urlaub wohl gut verbracht haben. Ich wäre auch gern bei Dir gewesen. Wann aber das bei mir kommen wird, weiß ich nicht, dieses Jahr wahrscheinlich nicht mehr. Wenn uns der Allmächtige beisteht, werden wir wohl noch einmal zusammenkommen, wenn es auch Wochen, Monate oder noch länger dauert. Wenn nur unser lieber Führer alles gut weiterleiten kann und das deutsche Volk in diesem aufgezwungenen Krieg zum Sieg führt.
Lieber Adolf, Ihr habt in Polen tapfer gekämpft, viele und große Hindernisse überwältigt. Jetzt könnt Ihr kurze Zeit ruhen und Euch erholen und dann geht es wieder frisch weiter und mit neuem Mut an die alte Sache. Hoffentlich kommt Ihr auch in gute Quartiere bevor Ihr wieder an die Front geht. Ich habe bei meiner Einquartierung wohl ein sehr gutes Heim gefunden. Die Leute waren uns sehr entgegenkommend, was man bei uns zu Hause wohl sehr wenig finden würde. Ich war dort schon zu Hause, haben konnte ich von den Leuten alles.
Lieber Adolf, jetzt geht es mir auch ganz gut. Ich bin vor einigen Wochen Melder vom Bataillon zur Kompanie geworden, ich habe auch ein Fahrrad. Der Dienst ist gar nicht so anstrengend, manchen Tag brauchen wir nur einmal am Abend zu den Kompanien vorfahren und Befehle und Post für die anderen Kameraden mitvornehmen. Ich habe auch schon gehört, daß wir in den nächsten Tagen ins Vorfeld vorkommen sollen, wann das sein soll, das wissen wir nicht. Hoffentlich geht dann auch alles so vorüber wie bis jetzt.
Wir haben auch bei unserer Kompanie schon Verluste gehabt. Durch Minenexplosion wurden vier Kameraden sofort getötet und fünf Mann verletzt. Einer von den fünf ist dann auch noch im Lazarett gestorben, es war der HJ-Bannführer von Hartberg.
Lieber Kamerad, laß Dir es auch weiterhin gut gehen und bleibe schön gesund. Die herzlichsten Grüße und ein baldiges Wiedersehen.      
Dein treuester Kamerad             Hans.
Heil Hitler!
 

Dokumentart: Brief
Absender: Hans Nicka 
Absendedatum: 10.12.1939
Absendeort: Westwall
Empfänger: Adolf Kaipel
Empfangsort: Feldquartier

Lieber Kamerad!
Ich habe Deinen Brief dankend und mit großer Freude erhalten. Es ist doch schön, wenn alte Kameradschaft wieder erneuert wird. Ich erinnere mich öfters an unsere Kinderjahre, wie wir uns beide immer mitsammen die Zeit vertrieben. Heute ist das ganz anders, beide sind wir an verschiedenen Stellen und ich glaube, daß wir uns an der Front auch schwer treffen werden. Das macht uns aber nichts, wir bleiben trotzdem treue Kameraden. Wir kämpfen weiter für unser Volk, Vaterland und unseren Führer Adolf Hitler. Genau so, wie wir einst Seite an Seite standen und kämpften.
Lieber Adolf, kann Dir auch mitteilen, daß ich noch immer schön gesund bin, was ich auch von Dir hoffe. Wir waren vom 24. November bis 4. Dezember ganz an vorderster Front und zwar bereits auf französischem Boden. Es ist alles so ziemlich ruhig vorübergegangen, nur täglich gab es ein wenig eigene und feindliche Artillerietätigkeit. Du hast vielleicht in der Zeitung gelesen von den Kämpfen bei Pirmasens und Liederscheit. In dem angrenzenden Abschnitt waren auch unsere Kompanien in Tätigkeit. Ist aber alles glatt verlaufen. Unser Bataillon hat gar keine Verluste gehabt.
Ich bin jetzt Melder. Das habe ich Dir ja schon geschrieben. Die Unterkunft war nicht schlecht. Wir waren in einem einzelnem Bauerngehöft. Die anderen Kameraden waren ein Stück weiter weg und mußten sich erst die Stellungen und die nötigen Unterstände ausbauen. Das Wetter war unter den zehn Tagen sehr schlecht. Fast jeden Tag hat es geregnet. Jetzt sind wir wieder vorne abgelöst worden und sind jetzt in den Bunkern, das paßt uns schon wieder. Mir geht es jetzt auch ganz gut, meine Arbeit ist jetzt vielleicht zweimal zum Bataillon gehen und am Abend vielleicht noch die Post holen. Der Weg ist eine Tour von ca. 15 Minuten.
Lieber Adolf, wie es bei mir mit dem Urlaub aussehen wird, weiß ich noch nicht. Bis jetzt halte ich es schon noch aus, es ist so noch nicht allzulang her, daß wir aus der Heimat scheiden mußten. Wenn nur alles gut vorüber geht und wir ganz in die Heimat zurückkehren können. Zuerst stehen wir aber auf unserem Platz und erfüllen unsere Pflicht.
Hoffentlich können wir uns dann zu Hause wieder treffen, wenn der Allmächtige seine Hand über uns hält. Also Kamerad sei nicht böse, daß ich Dir solange nicht geschrieben habe. Wir erfüllen weiter unsere Pflicht und bleiben trotzdem auch treue Kameraden.
Auf ein baldiges Wiedersehen!
Dein Kamerad Hans!
Heil Hitler! 
 

Dokumentart: Brief
Absender: Familie Hirschberg 
Absendedatum: 17.12.1939
Absendeort: Bad Gandersheim
Empfänger: Familie Kaipel
Empfangsort: Riedlingsdorf

Liebe Familie Kaipel!
Ich empfinde das Bedürfnis einiges von hier zu berichten. Wie Ihnen bekannt, liegt Ihr Sohn und Bruder seit seinem Urlaub bei uns in Quartier. Wir haben uns sehr aneinander gewöhnt. Ihr Sohn Adolf ist Familienmitglied. Solange die Kompanie hier liegt und er bei uns ist, seien Sie unbesorgt. Was mir meine Verhältnisse erlauben, tue ich an Ihrem Sohn, Verpflegung, Wäsche usw. Ich habe auch das Vergnügen Ihnen zu sagen, daß Ihr Sohn sich auch wohl fühlt. Er hat schon manchen Scherz erzählt und Wiener Liedlein gesungen. Die Mundsprache ist uns neu, da muß Adolf oft Erläuterungen geben.
Vor zwei Tagen waren wir beim Gemeinschaftsabend. Getanzt haben wir auch. Es war sehr gemütlich. Adolf sagt: "Ich fühle mich wie dahoam."
Wenn es Sie interessiert von unserer Familie zu hören. Mein Mann ist vom Kriege verschont. Er war schon im Weltkrieg. Unsere drei Kinder sind 15, 10 und 5 Jahre alt. Der Älteste hat mit Adolf aufrichtige Kameradschaft geschlossen. Gestern Abend waren beide im Kino. Oft machen sie Kraftprobe. Dann sage ich gleich: "Jungens, Ihr habt wieder Übermut." Dann kommt das Mädchen. Sie muß mir bei der Hausarbeit helfen. Der Kleinste, Helmut, ist unser aller Spaßmacher. Er schläft mit Adolf in einem Zimmer. Beide haben sich sehr angefreundet.
Wir haben hier ein Siedlungshaus mit Garten. Der Mann geht in den Dienst, die Kinder zur Schule. Da habe ich als Hausfrau auch genug Arbeit. Der Gemüsebau wird hier sehr gepflegt. Ich muß sagen, daß die Leute hier sehr fleißig sind. Meine Heimat ist Ostpreußen. Ich mußte mich hier auch erst an Land und Leute gewöhnen. Das geht alles, wenn man gesund ist. Das kann ich von uns allen bestätigen.
Mir ist es recht, wenn Adolf noch bei uns bleibt. Denn so kann er es aushalten. Es ist unsere Pflicht und unser Dank an die Soldaten.
Meine liebe Familie Kaipel, ich wünsche Ihnen ein frohes und zufriedenes Weihnachtsfest. 
Ich bin bemüht, Adolf die Heimat zu ersetzen. Was wir haben, hat auch er. Auch verspreche ich Ihnen, was ja mal kommt, wenn die Kompanie hier ausrückt, sofort zu schreiben. Bis dahin sei Ihnen jede Sorge erspart.
Unsere Kinder werden zu Weihnachten Ihre Nüsse knacken. Haben Sie vielen Dank. Hoffen wir, daß uns das neue Jahr den erhofften Frieden bringt.
Mit herzlichen Grüßen und "Heil Hitler"
Familie Hirschberg
 

Dokumentart: Brief
Absender: Familie Hirschberg 
Absendedatum: 8.1.1940
Absendeort: Bad Gandersheim
Empfänger: Familie Kaipel
Empfangsort: Riedlingsdorf

Liebe Familie Kaipel!
Am ersten Festtag haben wir Ihren lieben Brief erhalten, wofür wir auch danken. Es ist mir eine Genugtuung, daß Ihnen mein Brief Freude und Zufriedenheit bereitet hat. Die Festtage haben wir so gut es geht verlebt und auch Ihrer gedacht. Es hat sich inzwischen ein hartnäckiger Winter eingestellt. Schnee haben wir nicht viel, aber der Frost ist hart. Man versucht sich und die Tiere vor Kälte zu schützen. 
Liebe Familie Kaipel, inzwischen ist wohl der Urlauber dagewesen und hat von Adolf Grüße und die Bücher gebracht, und auch schon mitgeteilt, daß Adolf weg soll. Adolf ging wie immer auch am Freitag zum Dienst und kam nach kurzer Zeit wieder. Ich sagte: "Ist Ihnen kalt?". Daraufhin antwortete Adolf: "Ich muß um halb zehn ganz weg." Da habe ich mich erschrocken. Es half nichts, wir mußten Vorbereitungen treffen. Ich konnte die Tränen nicht zurückhalten als Adolf sich verabschiedete. Walter begleitete ihn. Als mittags mein Mann kam, sagte ich gerade: "Heute schmeckt mir das Mittagessen nicht", worauf mein Mann antwortete, daß er sich das gut vorstellen könne. Da ging die Haustür auf, unser Adolf kam wieder und sagte, daß er bis morgen Mittag noch hier bleiben dürfe. Das war noch ein schöner Tag. Auch kamen noch Ihre zwei Päckchen an. Daraus hat Adolf eines gemacht und mitgenommen. Nun war für alle eine andere Stimmung da, denn wir wußten was los war. Da Adolf von Beruf Tischler gelernt hat, ist er zu einem vierzehntägigen Pionierkursus nach Holzminden, daß etwa 40 km westlich von uns an der schönen Weser liegt. Alle Tischler des Regimentes machen diesen Kursus mit. Also Sonnabend um zwölf Uhr, wieder von seinem Kameraden Walter begleitet, ist Adolf mit dem Zug zusammen mit 21 Kameraden seines Regimentes abgereist. Adolf hat sich an den neuen Befehl gewöhnt, war zufrieden und frischen Mutes.
Adolf hat sich wohl gefühlt bei uns. Er sagte: "Es war ja so als ob ich zu Hause im Urlaub war." Und ich sagte: "Ich habe das an Ihnen getan, was ich an meinen Jungen auch nur tun kann." So kann ich mit gutem Gewissen an ihn denken. Und so werden wir uns gegenseitig in Erinnerung behalten. Außerdem haben wir noch die schöne Hoffnung, daß Adolf eventuell auf Sonntagsurlaub kommen kann. Und vielleicht auch nach Beendigung des Kursus noch einmal zu uns ins Quartier kommt. Walter ist schon in den ersten Tagen eingeladen worden, zu Ihnen zu kommen. Wollen dann beide nach Wien zum Riesenrad und nach Graz. Liebe Familie Kaipel, machen Sie sich bitte keine Sorgen. Schuldig sind Sie uns nichts. Was wir tun an unseren Soldaten ist nur unsere Pflicht. Wenn alles gut geht und Walter hat einmal das Vergnügen zu Ihnen zu kommen, so geschieht es aus Freundschaft.
Nun möchte ich auch nicht versäumen, herzliche Grüße von Ihrem Sohn und Bruder beizufügen, denn ich habe es Adolf auch versprochen, daß ich an Sie schreibe.
Auch schönen Dank für das beigefügte Bild, das sehr schön ist. Mit herzlichen Grüßen und Heil Hitler. Ihre Familie Hirschberg.
 

Dokumentart: Brief
Absender: Adolf Kaipel 
Absendedatum: 20.1.1940
Absendeort: Holzminden
Empfänger: Familie Kaipel
Empfangsort: Riedlingsdorf

Lieber Mutter, Bruder und Schwägerin!
Nach einer langen Zeit ist mir wieder einmal Gelegenheit gegeben, Euch in der Heimat zu schreiben. Hoffe, daß Euch dieses Schreiben in bester Gesundheit und mit Freuden antreffen möge, wie das Deinige bei mir, Mutter. Ich war für einige Zeit in Holzminden auf einem Pionierkursus und konnte Euch daher keine Feldpostnummer angeben. Auch habe ich heute die erste Post seit 18 Tagen bekommen. Holzminden ist sehr schön. Es hat uns gut gefallen, obwohl wir viel Dienst hatten. Ich bin nun wieder in meinen neuen Quartierort bei meinen Stiefeltern, die mich wieder mit Freuden aufnahmen.
Lieber Mutter, Du weißt für viele Worte bin ich nicht, aber sollte mich das Schicksal an den Dank meiner Quartiergeber hindern, so bitte ich Euch, vergeßt sie nicht. Sie waren mir gut. Als ich von ihnen weggegangen bin, weinte die Frau. Sie gab mir, ohne daß ich es wußte, in meinem Paket eine Butter und in der Feldflasche Tee mit Rum mit.
Hoffentlich ist es bei Euch nicht so kalt, bei uns ist eine durchschnittliche Kälte von 27 bis 30 Grad unter Null und auch kälter. Die Weihnachtspakete von Euch, drei Stück, und auch die zwei anderen habe ich mit Freuden erhalten. Auch heute habe ich von der lieben Schwester ein Paket bekommen, sie schrieb mir, sie wird von Euch so schlecht besucht, was mir sehr leid tut. Wenn es, liebe Mutter, vielleicht möglich ist, so bitte ich Dich, sag dem Bruder, er soll so lieb sein und mir einige Schokolade besorgen. Bezahlen braucht Ihr nicht, ich glaube, es wird sich noch mit meinem Guthaben ausgehen. Ist Pöll Josef bei Euch gewesen? Ich habe ihm Bücher mitgegeben. Vielleicht bekommt man in Pinkafeld Ohrenschützer, aber Mühe braucht Ihr Euch nicht machen. Bei uns haben sich viele die Ohren und Nase gefroren. Glaubt, obwohl wir im Ruhestand sind, müssen wir viel lernen und schaffen, daß, wenn uns der Führer wieder ruft, wir unsere Aufgabe beherrschen als Pioniere. Es sind alles Professionisten mit verschiedenen Berufen, wir haben einen großen Auftrag zu erfüllen.
Herzlichst gegrüßt aus der Ferne alle Freunde und insbesondere Euch von Eurem
Adolf        
Heil Hitler.
Adresse:   Soldat Kaipel Adolf,   Feldpostnummer 10129
 

Dokumentart: Brief
Absender: Hans Nicka 
Absendedatum: 10.2.1940
Absendeort: Schwadorf
Empfänger: Adolf Kaipel
Empfangsort: 

Lieber Kamerad!
Ich muß Dir mitteilen, daß ich noch immer sehr gesund bin, was ich auch von Dir erwarte. 
Muß Dir auch mit einer kleinen Überraschung kommen. Wir sind bereits wieder in der Ostmark und zwar in der Nähe von Wien in Enzersdorf an der Fischa bei Schwadorf. Wir wurden an der Front abgelöst, nach zweitägigen Fußmarsch gaben wir unsere ganzen Geräte und Waffen ab. Es blieb uns sonst nichts wie allein die Wäsche und Bekleidung. So ging es ganz gemütlich mit einem Personenzug heimwärts. Auf Urlaub war ich bis jetzt noch nicht, hoffentlich ist es jetzt  möglich. Was jetzt aus uns noch gemacht wird, weiß man nicht. Es wurde von jeder Division  aus der Front ein Bataillon herausgezogen und hier wird wieder eine neue Division zusammengestellt. Wir müssen jetzt natürlich warten bis wir die Geräte und alles wieder bekommen. Die Unterbringung ist wohl sehr schlecht, zum Teil sind wir in Massenquartieren und zum Teil privat. So schön haben wir es hier wohl nicht wie am Anfang in Krofdorf. Kalt ist es hier auch ziemlich und Schnee haben wir auch viel. Neugierig wird man noch sein, was überhaupt werden wird aus uns. Zu lange werden wir uns hier sicher nicht aufhalten.
Lieber Adolf, sonst kann ich Dir nicht viel Neues schreiben. Ich habe gehört, daß zu Hause auch wieder viele einrücken müssen, wird ihnen auch nicht schaden. Hoffentlich gibt es bald ein Wiedersehen.
Es grüßt Dich Dein alter Kamerad
Hans        
Heil Hitler!
Meine neue Feldpostnummer 06863E.
 

Dokumentart: Brief
Absender: Familie Hirschberg
Absendedatum: 31.3.1940
Absendeort: Bad Gandersheim
Empfänger: Adolf Kaipel
Empfangsort: Riedlingsdorf

Lieber Adolf!
Ich freue mich mit Ihnen, daß nun doch Ihr Urlauberzug fuhr und Sie daheim im Kreis Ihrer Lieben weilen durften. Ganz besonders wird Ihre Mutter glücklich sein und Sie werden sich gütig tun an Ihren Lieblingsgerichten. Das sind goldene Tage für Sie alle, die zu schnell vergehen. Helfen Sie nun beim Holz schlagen? Es wird schon was zu schaffen geben. Den Wein probieren Sie doch auch daheim? Das gibt Laune, dann heißt es "egal". 
Es bereitet mir immer Freude von Ihnen zu hören. Ganz besonders hat mich Ihr Brief gefreut, den Sie durch Seppl geschickt haben. Es spricht daraus Ihr Dank und Anerkennung und zeigt Ihre edle Gesinnung. Ich muß gestehen, ich habe Sie versorgt wie meine Jungen und so denke ich auch an Sie. 
Sie wissen, daß Sie jederzeit kommen dürfen und Aufnahme finden. Seit acht Tagen haben wir neue Einquartierung. Er ist ein Rheinländer und er ist auch gut, aber daß ich Rippenstöße geben werde, wie ich es mit Ihnen tat? Ich hatte immer Spaß an Ihrer zackigen Haltung und wenn Sie sechsmal am Tag fortgingen und kamen, Sie machten immer Meldung. Das fällt hier alles weg. Ich verspreche mich oft und sage: "Adolf". Heute hat er wieder den Stahlhelm probiert und Walter die Gewehrgriffe. Es klappt auch alles. Lieber Adolf, Sie können sich vorstellen, das Bummelleben vom Winter hat aufgehört. 
Walter und Helga hatten ein gutes Zeugnis. Walter war der Beste seiner Klasse. Heute ist er wieder im Kino. Ohne Sie. Auch ich war Freitag hier. Ihr beide habt mich ja nie mitgenommen. Es gab: "Mutterliebe". Walter wollte für Sie ein gemaltes Bild beifügen. Er fand nicht das richtige. Sonst ist er sehr in Anspruch genommen, er hat schon einen Stoß neue Schulbücher gekauft. Heute war die Jugendweihe. Da war auch er verpflichtet hinzugehen. 
Sie sollen denn auch was besonders Schönes haben, nur später. Ja, Adolf, Sie wollten uns doch von Ihrem Urlaub Stoff und Holz mitbringen. Das wird nun alles nichts. Seien Sie bitte zufrieden, wir haben es schon. Die Schweine kommen jetzt nicht mehr ins Schlafzimmer. Die zwei Päckchen von Mutter habe ich gleich zur Post gebracht. Haben Sie sie erhalten? Hiermit erhalten Sie Ihre zurückgebliebenen Sachen und herzliche Grüße an Sie alle
Familie Hirschberg        
 

Dokumentart: Brief
Absender: Maria Halwachs
Absendedatum: 30.4.1940
Absendeort: Pinkafeld
Empfänger: Adolf Kaipel
Empfangsort: 

Lieber Bruder!
Vor allem die besten Grüße von Deiner Schwester und Mutter. Dein Schreiben haben wir beide mit größter Freude erhalten. Wir ersahen daraus, daß Du wie man zu sagen pflegt, eine Stufe der Karriereleiter erklommen bist. Lieber Bruder, nur nicht zu schnell hinauf, denn man bekommt immer mehr Arbeit und es lohnt sich nicht.
Lieber Bruder, die Mutter hat Dir wieder zwei Päckchen geschickt. Hoffentlich wirst Du sie erhalten. Auch hat die Mutter um einen Anbauurlaub eingereicht, wir hoffen daher auf ein baldiges Wiedersehen.
Der Samuel soll noch weiter nördlicher sein als Du. Der Johann muß auch am 3. Mai nach Pinkafeld einrücken. Sonst gibt es nicht viel Neues als sehr viel Arbeit bei der Mutter. Der Vater soll jetzt sehr fleißig sein, auch haben wir jetzt eine sehr schöne Zeit. Alles wurde binnen vier Tage grün und blühend.
Auch muß ich Dir schreiben, daß wir Frauen einen Luftschutzkurs machen mußten. Der liebe Gott gebe es, daß es nicht soweit kommen wird, daß wir das machen müssen, denn dann ist sowieso alles verloren. Eine Nacht lang träumte ich davon. Es war ein Durcheinander, Feuer, Kanonendonner, Schreie und Weinen, wie am letzten Tag. Vor Schreien, weil mir die Mitzerl davongelaufen ist, wurde ich wach. Mein Herz wollte mir herausspringen bis mir klar wurde, daß es nur ein Traum war.
Der liebe Gott wende es ab. Mir tun alle Kämpfer leid, die so etwas wirklich mitmachen müssen.  Lieber Bruder, jetzt schließe ich mein Schreiben mit vielen Grüßen von uns allen und von der lieben Mutter. Schreibe bald wieder.
Heil Hitler.       Deine Schwester.
Gute Nacht, jetzt gehe ich schlafen. Und Gott behüt auch Dich und alle braven Soldaten, die für unsere Heimat wachen.      

 
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