Die Zeit vor dem Krieg


Diese Internetseite zitiert eine Reihe von Briefen von Personen, die zum Zeitpunkt der Erstellung dieser Schreiben noch nicht unser heutiges Wissen über die grausamen Konsequenzen des Nationalsozialismus und des 2.Weltkrieges gehabt haben. Wenn man diese Briefe liest, sollte man diesen Umstand berücksichtigen. Der Leser sollte vielmehr versuchen, aus den Briefen die Stimmung, die Ängste und die Hoffnung der Menschen abzuleiten. Dadurch wird es ihm vermutlich leichter möglich sein zu verstehen, was die Menschen in dieser so furchtbaren und für uns so fernen Zeit empfunden haben.
Sollten die Briefe an manchen Stellen nationalsozialistische Ideen oder den Krieg verherrlichen, dann ersuche ich den Leser dies aus Gründen der Authenzität der Briefe zu akzeptieren. Solche Textstellen spiegeln jedoch nicht den Geist dieser Internetseiten wieder, ganz im Gegenteil, das Ziel dieser Dokumentation ist den Leser darauf hinzuweisen, wie wertvoll Friede und Völkerverständigung sind und welche furchtbaren Konsequenzen Krieg und Völkerhaß haben.    

 
Der Anschluß und die Zeit vor dem Krieg

Ab Januar 1938 beginnt Hitler einen Nervenkrieg gegen das benachbarte Österreich. Ziel dieser Aktionen  ist die Eingliederung seiner Heimat in das Deutsche Reich. Österreich hat in diesen Tagen einen schweren Stand. Außenpolitsch hat es mit Italiens Mussolini den Schutzherrn seiner Souverenität verloren, da sich dieser immer mehr dem deutschen Diktator zuwendet. Innenpolitisch üben die illegalen Nationalsozialisten immer mehr Druck auf die österreichische Regierung aus. 

In dieser Situation lädt Hitler den österreichischen Bundeskanzler Schuschnigg zu einer Konferenz auf den Berghof in Berchtesgaden ein. Schuschnigg sieht in diesem Gespräch die große Chance endlich die Differenzen zwischen beiden Staaten auszuräumen, doch hat er nicht mit Hilters psychologischer Verhandlungsführung gerechnet. Der Führer überrumpelt den österreichischen Gast mit einer schroffen Vorgangsweise bei den Gesprächen und wendet jeden nur erdenklichen Trick an, um den Bundeskanzler unter Druck zu setzen (so verbietet er dem Kettenraucher Schuschnigg während der Konferenz zu rauchen). Schließlich gelingt es Hitler unter Androhung des Einmarsches der Deutschen Wehrmacht in Österreich von Schuschnigg die Unterschrift unter ein Dokument zu erpressen, das die Aufhebung des Verbotes der NSDAP in Österreich, die Freilassung aller inhaftierten Nationalsozialisten in Österreich, und die Aufnahme von einigen nationalsozialistischen Ministern in die Bundesregierung, fordert. Als diese Vereinbarung bekannt wird, verlassen viele Ausländer Österreich, ausländische Firmen kündigen ihre Verträge und schließlich bricht auch der Tourismus zusammen. Zurückgekehrt nach Österreich findet Schuschnigg seinen alten Kampfgeist wieder. Er nimmt sogar mit den Sozialisten und den Gewerkschaften, die seit dem Bürgerkrieg 1934 verboten sind, Verhandlungen auf. Eine besondere Trumpfkarte spielt er durch die Ankündigung einer Volksabstimmung über die Unabhängigkeit Österreichs für den 13. März aus. Mit dieser Aktion hat Hitler nicht gerechnet und nun wird auch er nervös. Seine Antwort auf diese überraschende Entwicklung ist der Befehl an seine Generäle am 12. März in Österreich einzumarschieren. 

Die Tage vor dem 12. März sind geprägt von hektischen diplomatischen Verhandlungen. Nachdem aber klar wird, daß niemand Österreich zu Hilfe kommt, gibt Bundeskanzler Schuschnigg in einer Rundfunksendung mit den berühmt gewordenen Worten das Ende Österreichs bekannt: "Wir weichen der Gewalt! Es lebe Österreich."

Am nächsten Morgen marschieren die Verbände der Deutschen Wehrmacht in Österreich ein. Die Soldaten werden von der Bevölkerung begeistert empfangen, überall wo die marschierenden Truppen durchkommen, stehen jubelnde Menschen am Straßenrand. Als Hitler schließlich um 16 Uhr dieses historischen Tages die Grenze überquert, fährt er im Triumphzug nach Wien. Am Wiener Heldenplatz verkündet er vor der Geschichte und Hunderttausenden Österreichern den Anschluß seines Vaterlandes an das Deutsche Reich.

In der Divisionsgeschichte der 1. deutschen Gebirgsdivision ist folgendes über den Einmarsch nachzulesen:
"Es war für die Gebirgsjäger gewiß ein erhabenes Gefühl, als sie, von einer aufgewühlten Menschenmenge mit Gaben überhäuft, fast ausbildungsmäßig im Vormarsch auf Wien und über die noch tief verschneiten Alpenpässe der Steiermark auf deren Landeshauptstadt Graz einschwenkten. Vöcklabruck, Gmunden, Kirchdorf a.d. Krems, Liezen, Rottenmann, Leoben und Bruck a.d. Mur waren die bedeutendsten Stationen dieser 'Fahrt in den Frühling'.

Man kann und soll es auch heute, in einer Zeit der bequemen Anpassung, nicht verschweigen, daß der begeisterte, von Herzen kommende Empfang der deutschen Gebirgstruppe durch die österreichische Bevölkerung auf dem langen Marsch nach Graz, und ganz besonders in der Stadt unter dem Uhrturm, ein unauslöschliches Erlebnis für die gänzlich unpolitische Truppe war.
... 
Wie sich der Gang der deutsch-österreichischen Geschichte nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg später einmal entwickeln sollte, das vermochte in jenen Stunden und Tagen des März 1938 jedoch niemand zu erahnen." 

Für diejenigen, die es ahnen, beginnt bereits in der Stunde des Einmarsches die 'neue Ordnung'. Die deutschen Sicherheitskräfte beginnen sofort mit den ersten Verhaftungen. Viele Österreicher werden nach Deutschland in die Konzentrationslager verschleppt. Die ersten Transporte, die in das deutsche KZ Dachau gehen, setzen sich vorallem aus der politischen Elite des Landes, aus Parteipolitikern, Gewerkschaftsfunktionären etc. zusammen. Für viele österreichische Politiker, die sich im Ständestaat aus unterschiedlichen Lagern bekämpften, ist aber die Zeit in den deutschen Konzentrationslagern Anlaß für einen Neubeginn. Dieses gemeinsame KZ-Erlebnis hilft mit, die politischen Gräben zu überwinden, die der österreichische Bürgerkrieg 1934 aufgerissen hat. Es ist nach dem Ende des Krieges ein Teil jenes Fundamentes auf dem die 2. Republik aufgebaut wird. 

Diese Vorgangsweise bleibt auch dem 'normalen' Staatsbürger nicht verborgen, so geht aus einem Brief meines Großvaters hervor, daß in Riedlingsdorf 'Dachau' bereits 1938 ein Begriff ist. Ob die Menschen aber damals gewußt haben, welche schrecklichen Dinge in diesen Lagern passieren, ist fraglich. Die Terrorherrschaft der Nationalsozialisten ist erst im Entstehen, die Vernichtungslager, in denen ganze Bevölkerungsgruppen mittels eines fabriksmäßigen Verfahrens umgebracht werden, entstehen erst in den nächsten Jahren in den eroberten Gebieten Polens und Westrußlands. Aber bereits 1938 sind die Zustände in den vorhandenen Konzentrationslagern unbeschreiblich. Im Vergleich dazu ist der Haftaufenthalt der österreichischen Nationalsozialisten während des Ständestaates ein Urlaub im Paradies.

Während in den deutschen Konzentrationslagern das große Morden beginnt, sehen sich die österreichischen Nationalsozialisten am Gipfel ihrer Träume. Die 'Illegalen', wie sie genannt werden, erhalten für die Entbehrungen der Kampfjahre, Entschädigungen, Auszeichnungen und Einladungen für Urlaubsaufenthalte in Deutschland.

Adolf Kaipel wird zusammen mit zwei Kameraden aus dem Bezirk Oberwart nach Oelde, einem kleinen Städtchen in Westfalen eingeladen. Dort werden sie von der Bevölkerung freundschaftlich aufgenommen und lernen viele nette Menschen und neue Freunde kennen. Der Höhepunkt ist ein Kreistreffen der Partei, bei dem sie sogar dem dortigen Gauleiter vorgestellt werden. Unter anderem berichtet auch die Tageszeitung 'Die Glocke' über den Aufenthalt der drei 'Ostmärker' in Oelde (siehe Zeitungsartikel Nr. 383, Briefe 313 und 238). Nach diesen unbeschwerten Tagen beginnt für Adolf wieder der Ernst des Lebens. Er findet in Grafendorf (Steiermark) bis zu seiner Einberufung zum Militär eine Anstellung als Tischlergeselle.     
 

Dokumentart: Brief
Absender: Adolf Kaipel
Absendedatum: 14.5.1938
Absendeort: Oelde in Westfalen
Empfänger: Familie Kaipel
Empfangsort: Riedlingsdorf

Meine Lieben in der Heimat!
Verzeiht, daß ich mir mit meinem Schreiben so lange Zeit gelassen habe. Erst muß man einen Stoff besitzen, dann kann man auch benachrichtigen. Ich weiß, Ihr werdet schon hart warten, aber es waren ja nur ein paar Tage. Die Zeit vergeht so schnell und ich glaube, daß ich bei Erhalt meines Briefes nicht mehr fern bin. Zwei Tage mußten wir fahren, bis wir in unserem Urlaubsort, der Stadt Oelde in Westfalen bei Münster, ankamen. Oelde ist großer Industrieort mit 20.000 Einwohner mit Weltverstand. Die Zeit bietet uns Gelegenheit alles auf dem Land und in der Stadt, Betriebe und Bauernhöfe zu besichtigen. In dieser Stadt sind wir nur zu dritt und zwar bekannte Kampfkameraden. Ich wohne bei einem Hausmeister und die zwei Freunde bei einem Stanz-(?) und Emailfabrikanten. Sie haben große Freude an Österreich und bewirten uns unglaublich. Der Fabrikant fährt uns mit seinem Auto zu allen Sehenswürdigkeiten, sowie zum Möniksstausee, wo Dörfer und Kirchen im Grunde liegen, in sein Jagdrevier, nach Windenbrück und Münster, die alte Handelsstadt und ein Sicherheitspunkt Deutschlands mit seinen großen Flughäfen und Kasernen, die einen ganzen Stadtteil bilden. Mit über 30.000 Soldaten sind das mehr als in ganz Österreich. Bei Zigaretten, Bier und Erzählungen aus dem alten Österreich vergeht Tag für Tag. 
Der Führer schafft und wacht!  Heil Hitler! 
Näheres mündlich mit Gruß
Heil Hitler!
 

Dokumentart: Zeitungsartikel in der 'Glocke'
Absendedatum: 19.5.1938

Oelde, 19.Mai.  Österreichische Hitlerurlauber in Oelde
Seit dem 6. Mai weilten drei Österreicher aus dem Burgenland in unserer Stadt. Die Leser der 'Glocke' hatten die Gelegenheit, anläßlich des Kreistreffens in Ahlen die drei im Bildbericht der 'Glocke' zu sehen, wie sie vom Gauleiter Dr.Meyer begrüßt wurden. Daß es den drei Kameraden aus dem Burgenland bei uns gefallen hat, davon zeugen die folgenden Zeilen eines an die 'Glocke' gerichteten Briefes. Es heißt in dem Brief:
'Nach einer Zeit, die seelisch und körperlich die schwerste Aufgabe an uns stellte, sind es unvergeßliche Tage, an denen wir die Liebe unserer Brüder im Gau Westfalen-Nord kennenlernen dürfen.
Das Schicksal wollte es, daß wir Zeugen eines Geschehens sein konnten, das unseren Vorfahren vorenthalten war. Ein Volk, das, verkauft und verbrannt, in der Fremde herumirrte, die bittersten Erfahrungen erdulden mußte, in Not, Elend, Kerker und Galgen dahinsiechte, hat eine Jugend geboren, die den Stoßtrupp zurück zum Vaterland bildete. Und daß dieser Ruf nicht nur unser Wille war, sondern auch der Wille unserer Brüder im Reich, ersahen wir bei der freundschaftlichen Aufnahme durch unsere Gastgeber. Die freundlichen Einladungen der Betriebe W.u.H. Frieling, Ramesohl und Schmidt und die 'Glocke', wo wir Gelegenheit hatten, die Herstellung einer Zeitung bis in alle Einzelheiten zu verfolgen, hat uns zu der Überzeugung gebracht: An der Liebe Deutschlands zur Ostmark fehlt es nicht! 
Die Verbrüderung der SA-Kameraden im Gau Westfalen-Nord mit uns, der freundschaftliche Empfang unserer Gastgeber, nicht zuletzt die Begrüßung durch Gauleiter Dr. Meyer beim Kreistreffen in Ahlen, die uns stets in Erinnerung bleiben wird, lassen in uns ein Gefühl des Dankes aufkommen:
Die Treue für immer, wir trennen uns nimmer!
Heil Hitler!
Die drei Österreicher.
Inzwischen sind heute morgen unsere Gäste aus der Ostmark wieder abgereist. 
 

Dokumentart: Brief
Absender: Ferdinand Zurbrüggen
Absendedatum: 19.6.1938
Absendeort: Oelde in Westfalen
Empfänger: Adolf Kaipel
Empfangsort: Riedlingsdorf

Lieber Herr Kaipel!
Sie dachten sicherlich schon, wir Oelder würden nichts mehr von uns hören lassen. Aber was lange wächst, wird endlich gut. Wir hatten nämlich kein einziges vernünftiges Foto von unserem Haus und es sollte doch eines mit nach Österreich. 
Zunächst unseren herzlichen Dank für Ihren lieben Brief. Wir freuen uns, daß es Ihnen hier bei uns gut gefallen hat, und Sie gerne an Ihren ersten Urlaub in Westfalen zurückdenken. Vielleicht verschlägt Sie das Schicksal noch einmal in diese Gegend, sodaß wir uns einmal wiedersehen. Oder, was auch möglich sein könnte, führt mich im nächsten Frühjahr die Hochzeitsreise nach Österreich. Dann werde ich Sie bestimmt in Ihrer Heimat aufspüren.
Inzwischen sollen auch Sie wohl wieder im alltäglichen Leben und Treiben stecken. Da haben Sie gewiß immer mal Zeit, wieder an Ihren Urlaub hier im Münsterland zu denken. Herr Kemper hat uns auch ein Foto von 'unseren' Österreichern gegeben. Recht herzlichen Dank. Da haben wir doch auch ein kleines bleibendes Andenken. Was gibt's denn sonst bei Ihnen Gutes? Sind Sie und Ihre Angehörigen alle gesund und munter? 
Mein Vater, den Sie leider nicht kennengelernt haben, ist inzwischen aus Tölz zurück. Er hat dort unten auch eine Tour nach Österreich gemacht. Er ist ganz begeistert von der Schönheit der Landschaften. Gesundheitlich geht es uns allen recht gut. Nur das Wetter könnte hier bedeutend besser sein. Es ist noch immer entschieden zu kalt. Heute ist Parteitag des Gaues Westfalen-Nord in Gelsenkirchen. Das wäre wieder ein schönes Erlebnis für Sie.
Nun will ich schließen. Sie und Ihre Angehörige auf das Herzlichste grüßend, sind wir mit den besten Grüßen 
Ihre Familie Ferdinand Zurbrüggen.
Macht sich die Regierung Hitlers auch in Ihrer Gegend schon bemerkbar? Wir würden uns freuen, wenn Sie uns mal wieder von dort unten berichten würden. 
 
 

Die Aufrüstung 

Die neue Ordnung, die mit Hitler nach Österreich gekommen ist, wirkt sich auch nachhaltig auf das Militärwesen aus. Die Einheiten des ehemaligen Österreichischen Bundesheeres werden umgegliedert und in die Deutsche Wehrmacht aufgenommen. So entstehen auf dem Boden der nunmehrigen Ostmark die Wehrkreiskommanden XVII (Wien) und XVIII (Salzburg), die aus den vorhandenen österreichischen Einheiten, die 44. Infanteriedivision (ID) in Wien, die 45. ID in Linz, die 2. Gebirgsdivision (GD) in Westösterreich, die 3. GD in Kärnten und der Steiermark und die 4. leichte Division, die später in die 9.Panzerdivision umgegliedert wird, aufstellen. Ferner verbleibt auch die 2.Panzerdivision, die im März 1938 mit den deutschen Truppen nach Österreich gekommen war, im Land. Im Laufe der Zeit, vorallem während des Krieges, werden von diesen beiden Wehrkreiskommanden noch zahlreiche Neuaufstellungen vorgenommen (Infanteriedivisionen 92, 137, 262, 297, 327, 331, 369, 373 und 392; Jägerdivisionen 100, 117 und 118; Gebirgsdivisionen 5, 6 und 188).

Für Adolf Kaipel ist es Ende November 1938 soweit, er wird zur 44. Infanteriedivision einberufen. Diese Division hat durch die Besetzung des Sudetenlandes im Oktober 1938 neue Friedensstandorte in Böhmen und Mähren erhalten. So verschlägt es Adolf im Dezember 1938  nach Lundenburg (dem heutigen Breclav) zur 2. Kompanie des Infanterieregimentes 131.
Eine deutsche Infanteriedivision (kurz ID genannt) besteht in ihrem Kern aus drei Infanterieregimentern (IR) zu je drei Bataillonen. Bei der 44.ID tragen diese Regimenter die Nummern 131, 132 und 134. Das Regiment 134 ist das Wiener Hausregiment, das aus dem legendären Infanterieregiment Nr. 4 'Hoch- und Deutschmeister' hervorgegangen ist.
Diese drei Infanterieregimenter werden von einer Reihe von Spezialeinheiten unterstützt (in Klammer immer die Nummer der jeweiligen Einheit bei der 44.ID):
- Artillerieregiment (AR 96)
- Aufklärungsabteilung (AA 44)
- Panzerjägerbataillon (PzJ 46)
- Pionierbataillon (Pi 80 in Klosterneuburg)
- Nachrichtenabteilung (NA 64)
- Versorgungstruppen. 
Zusammengerecht ergibt das für die gesamte Infanteriedivision eine Sollstärke von ungefähr 15.000 Mann.

Die Umgliederung der österreichischen Einheiten ist natürlich mit großen Schwierigkeiten verbunden. Einerseits muß zuerst das österreichische Kaderpersonal entsprechend der deutschen Heeresvorschriften umgeschult werden, anderseits ist es auch notwendig, die österreichische Bewaffnung und Ausrüstung durch die deutsche zu ersetzen. Daß dieser Tausch nicht immer nur Vorteile bringt, wird sich bald in den ersten Kriegsjahren zeigen, denn einige der deutschen Infanteriewaffen sind den österreichischen in Reichweite und Durchschlagskraft unterlegen. 
Diese vielfältigen Schwierigkeiten gilt es im Laufe des Jahres 1938 zu überwinden, bis dann endlich im Dezember 1938 die ersten Rekruten zu den neuen Einheiten einrücken. 
 

Dokumentart: Brief
Absender: Adolf Kaipel
Absendedatum: 4.12.1938
Absendeort: Lundenburg
Empfänger: Familie Kaipel
Empfangsort: Riedlingsdorf

Meine Lieben!
Seid nicht bös, daß ich mir mit meinem Schreiben solange Zeit ließ. Wir sind erst am 2. an Ort und Stelle gekommen. Von Stockerau wurden wir nach Mistelbach und am anderen Tag von Mistelbach nach Lundenburg/Südmähren ehemals Tschechoslowakei gebracht, wo wir vorläufig eingestellt wurden. Es ist alles überfüllt und ich habe vielleicht Aussicht auf eine Dienstenthebung. Sollte es nicht zutreffen, so werden wir uns sicher zu Weihnachten treffen. Wir sind nun wieder gebunden und doch muß man alles leichter nehmen. Lundenburg ist eine schöne Stadt und ich freue mich schon darauf, wenn einmal der Ausgang gestattet ist.
In einer ...schule sind wir untergebracht, vorläufig. Auch eine Kaserne hinterließen die Tschechen vier Stock hoch, was den Deutschen zu hoch ist, darum wird nächstes Jahr eine neue gebaut.
Viel Neues kann ich Euch nicht schreiben, sondern muß den Vers in Umwandlung treffen "Tröste Dich, alles vergeht". Sollte irgendetwas Dringendes zu Hause eintreffen, so bitte ich um umgehende Weiterleitung. 
Seid vorläufig herzlich gegrüßt und sei nicht traurig Mutter, Gottes Auge wacht. 
Heil Hitler.
Euer Adolf Kaipel.
 

Dokumentart: Brief
Absender: Adolf Kaipel
Absendedatum: 29.1.1939
Absendeort: Lundenburg
Empfänger: Familie Kaipel
Empfangsort: Riedlingsdorf

Meine Lieben!
Wenn einem die Gesundheit zwingt, die Zeit ohne Arbeit vorübergehen zu lassen, dann kommen einem einst freudige Stunden wie im Traum vor. Bilder von Erinnerungen kommen vor die Augen oder man denkt an sie. So beschäftige ich mich von Montag bis heute. Bin Montag ins Krankenrevier gekommen. Hatte Kehlkopfentzündung und Magenkartarr mit hohem Fieber und werde, wenn es besser wird, am Donnerstag wieder entlassen. Ich fühle mich schon viel besser, denn schließlich bleibt einem nichts über, denn Mitte März ist die Rekrutenbesichtigung. Hoffentlich geht es uns dann besser, aber nicht viel, denn schließlich sind wir ja Soldaten. Der Oberleutnant kommt jeden Tag und fragt:" Ihr Vögel, wann macht Ihr wieder Dienst?". Es hat schon wieder geschneit.
Wartete so sehnsüchtig auf ein Schreiben von Euch, aber vergebens. Ich hätte zum Lesen Zeit gehabt, denn ich lag so einsam, konnte nichts essen. Sogar das Reden machte mir Schmerzen und ich dachte an Euch. Wollt sprechen mit Euch, doch es ging nicht. Wer weiß wann wir uns wiedersehen. Früher, wenn ich krank war, umsorgte mich eine treuherzige Mutterhand. Hier mußte ich mich mit der Behandlung und den Pillen zufriedengeben. Ich bin schon wieder froher Stimmung und verbringe die Tage fröhlich mit den Kameraden. 
Wie geht es Euch? Seid Ihr auch hoffentlich alle gesund? Ist der kleine Prinz noch so aufgeregt? Wie fühlt sich der Samuel mit seinen großen Kalben. Wünsche viel Glück. Und die Mitzerl? Bedank mich noch einmal für das Packerl, konnte nur die Butter, die Pflaumen und einen Teil der Bäckerei genießen. Es ist schade um die viele Mühe. Ihr braucht mir ohne Bitte nichts schicken. Es kostet Geld und ich habe nichts davon. Die Pflaumen waren wirklich sehr gut. Man ißt so etwas, wenn man krank ist.
Ich bedanke mich bei der kleinen Mitzerl. Grüßt ihre Mutter und ihren Vater. Schreibt mir bald wie es Euch geht und steht, daheim und auswärts, möglichst viel Neues.
Grüße auf das Herzlichste an die Mutter, bleibe gesund und kränke Dich nicht. Es wird alles gut werden,
Mit deutschem Gruß    Heil Hitler.
Euer Soldat Adolf. 

Dokumentart: Brief
Absender: Samuel Kaipel
Absendedatum: 10.2.1939
Absendeort: Riedlingsdorf
Empfänger: Adolf Kaipel
Empfangsort: Lundenburg

Lieber Bruder!
Teile Dir mit, daß wir Deinen Brief erhalten haben. Wir haben sehr bedauert, daß Du krank warst. Ich habe auch die ganze Woche mit einer Krankheit zu tun gehabt, aber jetzt ist alles schon vorbei. Wie geht es Dir? Bist Du ohnehin schon ganz gesund? Schreibe uns bald wieder was es Neues gibt und wie es Dir geht. Wenn Du etwas brauchst, dann leide nicht, sondern laß es uns wissen. Wir werden tun, was wir können. 
Lieber Bruder, am 9.2. haben wir unsere Musterung gehabt. Alle 13er (Anmerkung: Geburtsjahrgang 1913) sind tauglich gewesen. Wir Bauern haben bis Herbst Aufschub, die Arbeiter müssen innerhalb einer ganz kurzen Zeit einrücken. Die 14er sind auch alle eingerückt und in Oberwart und Pinkafeld ist alles voll mit Soldaten. Die werden sehr scharf hergenommen. Lieber Bruder, es wäre fast anders gekommen, denn wenn ich nicht soviel  geredet hätte, hätte auch ich sofort gehen müssen, aber bis zum Herbst geht es sich sicher aus. Der Mühl Adolf ist ganz untauglich.
Wir grüßen Dich nochmals auf das Herzlichste. Schreibe uns bald wieder wie es Dir geht. 
Mit Gruß Samuel. Heil Hitler.

Lieber Schwager!
Ich muß Dir auch gleich etwas Neues schreiben, nämlich daß sich Deine Schwester Maria beim Holzhacken in die Hand gehackt hat. Sie hat so viel Fieber und Schmerzen gehabt, daß sie gar nichts hat arbeiten können. Jetzt war die Mutter schon zwei Tage droben bei Ihr und hat Ihr die Arbeit gemacht.
Vorigen Samstag hat der Lang Tobias einen Hausball gehabt und dem Tobias Z. seine Hochzeit war auch gleich bei ihm. Von seinen Leuten war niemand auf der Hochzeit, außer seine Schwester Resl und deren Mann. In der Kirche waren auch die Maril und seine Mutter. Seine Schwester Maril hat ihnen nach der Trauung Glück gewunschen, aber seine Mutter ging gleich nach Haus. Beim Lang haben sie sich sehr lustig unterhalten. Dort haben sie auch die Maril und unsere Mutter zu Tisch gerufen. Ballgäste waren aber nur 15 verheiratete Paare und vier Burschen. Der Nika Hans und der Arthofer haben das Kommando geführt. Sie haben bis 7 Uhr früh ausgehalten. Der Nika Hans mußte sehr viel tanzen. Die Mädl haben ihn gleich hervorgezogen. Die übrigen Burschen haben die Eishacker nicht runtergehen lassen, weil sie voriges Mal bei Frau Schranz mit den Burschen gerauft haben. Die anderen Burschen waren alle beim Artner droben.
So schließ ich mein Schreiben mit herzlichen Grüßen von mir, Mitzl, und nochmals viele Grüße von Deiner treuen Mutter. 
 

Dokumentart: Brief
Absender: Hans Nika
Absendedatum: 23.2.1939
Absendeort: Riedlingsdorf
Empfänger: Adolf Kaipel
Empfangsort: Lundenburg

Lieber Kamerad! 
Nach langer Zeit komme ich doch einmal dazu, Dir einige Zeilen zu schreiben. Es ist wirklich eine Schande für mich, wenn man sich für den besten und auch fast den einzigen Kameraden, der immer treu zu einem stand, nicht einmal soviel Zeit aufbringen kann. Lieber Kamerad, Du wirst wohl nicht böse sein, aber ich bin jetzt schon drei Wochen kränklich. 14 Tage bin ich wohl noch arbeiten gegangen, aber diese Woche ging es nimmer. Jetzt schreibe ich den Brief im Bett, das wirst Du auch wohl an der Schrift gleich am Anfang erkannt haben, daß sie nicht richtig ist.
Lieber Kamerad, ich bin jetzt mit der Arbeit derart überlastet, daß ich oft nicht weiß, wo mein Kopf steht. Ich habe Anfang Jänner mit dem Fernunterricht begonnen. Bis jetzt habe ich schon 12 Lehrbriefe bekommen usw. Das sind drei Fächer ("Deine Muttersprache", "Richtig rechnen", "Ebene Geometrie") also von jedem 12. Das sind insgesamt 36. Einen Brief mußte ich schon als Prüfung einschicken. Wie es noch ausfallen wird, weiß ich nicht. Und lieber Kamerad, das ist noch nicht die ganze Arbeit, dann habe ich in der Ortsgruppe immer zu tun und obendrauf habens mir jetzt vor 14 Tagen noch die Ortsleitung der NSV angehängt. Wenn man sich auch dagegen wehrt, bekommt man nur zur Antwort, ein Parteigenosse sagt zu nichts nein, es gibt nur ein Ja. Du wirst es ja selber wissen, wenn jemand mit einer Arbeit kommt, so sage ich selten nein. Dem K. habens die NSV entzogen, weißt es ohnehin wie er es immer gemacht hat, meistens betrunken usw. Es wäre mir lieber gewesen, wenn jemand anderer gewesen wäre, aber über diesen Beruf wagt sich niemand.
Ich komme auch jetzt sehr wenig aus dem Hause, entweder bin ich im Ortsgruppenlokal oder in der NSV oder ich arbeite an meinen Briefen. Samstag und Sonntag komme ich sehr selten wo hin. Einmal war ich beim Lang auf dem Ball am 4. Feber. Zuerst hatte ich mit dem Lehrer Unger Steifendienst wegen der Jugendlichen unter 16 Jahre. Da waren wir um 1 Uhr beim Artner, da waren die ganzen Burschen vom Untertrum vertreten. Es war alles stark überfüllt. Dann sind wir zum Lang hinuntergegangen, dort war es fast leer. Aber die dort waren, haben sich sehr gemütlich unterhalten. Burschen waren zum Schluß nur der Arthofer Hans 15 und ich. Mädel, die zwei Tunkl, Resl und Minerl, und die Ziermann Minerl. Es ist dann sehr gemütlich geworden. Es waren dann noch einige Paare Verheiratete dort. Da war es recht lustig. Dann auf einmal sind die Weiber über mich hergefallen und haben mich in den Saal gezogen und ich mußte mit ihnen tanzen. Da habens mich soviel herumgezogen, daß ich dann schon ganz müde war. Wir haben uns wirklich sehr gut unterhalten und sind erst um 1/2 7 Uhr früh nach Hause gegangen, Deine Brüder Hans und Tobias auch. So gut unterhalten habe ich mich noch nie und ich glaube auch nicht bald wieder. Lieber Kamerad sonst ist in der Ortsgruppe ein großes Durcheinander, es sind nur immer Streitigkeiten und Raufereien. Wer früher unsere besten Kameraden waren, sind heute die schlechtesten. Näheres wird Dir ja sowieso Dein Bruder geschrieben haben. Lieber Kamerad, sei nicht bös, daß ich nicht geschrieben habe, es ging mit bestem Willen nicht. Hoffentlich sehen wir uns bald wieder.
Heil Hitler!   Dein Kamerad Johann. 

Die Zeit vor dem Polenfeldzug

Die rege Ausbildung der Rekruten wird bei der 44.ID jäh unterbrochen, als für den 14.3.39 der Sondermobilmachungsfall "Schneeglöckchen" bekanntgegeben wird. Nachdem Hitler bereits im Oktober 1938 das Sudetenland besetzen ließ, soll nun die "Zerschlagung der Rest-Tschechei" erfolgen. Auch die Einheiten der 44.ID werden in Marsch gesetzt und überschreiten am Morgen des 15.3. die Demarkationslinie bei Lundenburg. Die Einheiten des IR 131 (mit Adolfs 2.Kompanie) sind die Vorhut der Division. Der Einmarsch verläuft friedlich und nur das schlechte Wetter macht den deutschen Soldaten schwer zu schaffen. Das Tagesziel wird aber trotz der widrigen Umstände erreicht und bereits am nächsten Tag stoßen die vordersten Einheiten der 44.ID auf deutsche Truppen, die von Schlesien aus in die Tschechei einmarschiert sind. Die Division stellt daher ihren Vormarsch ein und nach einigen Tagen der Ruhe verlegt man die Einheiten wieder in ihre Friedensstandorte zurück. Die Deutsche Wehrmacht hat noch einmal Glück gehabt, denn ein Teil der eingesetzten Verbände befindet sich noch mitten in der Ausbildung. So haben vorallem die Soldaten, die die schweren Waffen bedienen sollen, in ihrer kurzen Ausbildung noch keinen einzigen scharfen Schuß abgegeben. 

Die Monate Mai und Juni werden bei der 44.ID wieder intensiv für die Ausbildung der Rekruten genützt. So machen die Soldaten Bekanntschaft mit einigen österreichischen und deutschen Truppenübungsplätzen (z.B. Döllersheim/Allensteig). Anfang Juni wird die Division in den Raum Fridek-Mistek an die polnische Grenze verlegt, wo Feldbefestigungen angelegt und taktische Übungen abgehalten werden. Besonders wertvolle Erfahrungen sammelt die Divisionsführung dabei beim Transport der Einheiten durch die Bahn, schließlich werden für die Verlegung einer Infanteriedivision bis zu 75 (!) Güterzüge benötigt. 

Nach dieser Ausbildungszeit an der Grenze geht es wieder zurück in die Friedensstandorte und viele Soldaten erhalten den vielbegehrten Urlaubsschein. Bald ist es aber mit der Urlaubsstimmung vorbei, denn es ziehen am politischen Horizont dunkle Gewitterwolken auf. 

Vordergründig geht es um die Stadt Danzig und um eine exterritoriale Landverbindung zwischen Ostpreußen und dem Reich, hintergründig jedoch um die Absicht Hitlers 'Lebensraum im Osten' zu gewinnen. Sowohl die Westmächte als auch die Deutschen buhlen um Stalins Gunst. Die Deutschen bieten dem sowjetischen Diktator als Preis für einen Nichtangriffspakt halb Osteuropa und Stalin geht tatsächlich darauf ein. Die Welt hält den Atem an, als am 23. August der Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und der Sowjetunion bekannt gegeben wird. Der Welt bleibt aber vorerst verborgen, daß sich im geheimen Zusatzprotokoll des Vertrages beide Diktatoren Osteuropa aufgeteilt haben. Als Folge besetzen die Sowjets in den kommenden Monaten die östlichen Teile Polens, die baltischen Staaten und Teile Rumäniens. 

Auch die Divisionen der Wehrmacht bewegen sich in den Stunden nach Abschluß des Vertrages bereits in Richtung polnische Grenze. Der Angriffstermin wird von Hitler für den 25. August festgesetzt. Im letzten Moment bekommt er jedoch kalte Füße, als der italienische Waffenbruder Mussolini aus der Kriegsallianz ausschert. Wie durch ein Wunder gelingt es alle in Marsch befindlichen Truppen zu stoppen. Als aber wenig später als neuer Angriffstermin der 1. September an die Truppen hinausgeht, hoffen die Stäbe der Armeen und Divisionen vergebens auf einen Widerruf. 
 

Dokumentart: Brief
Absender: Maria Halwachs
Absendedatum: 30.3.1939
Absendeort: Pinkafeld
Empfänger: Adolf Kaipel
Empfangsort: Postleitstelle Wien

Lieber Bruder!
Haben Deinen Brief mit großer Freude erhalten und danken Gott, der Euch froh und gesund geleitet hat. Lieber Bruder, Du kannst Dir nicht vorstellen, welche Sorgen wir gehabt haben, wie wir von dieser Unruhe erfaßt wurden. Um 7 Uhr ist die Irma herübergelaufen und hat gesagt, daß um 1/2 8 Uhr eine wichtige Sondermeldung gesendet wird. Wir ahnten nicht worum es sich handelt und wir waren sehr gespannt, als wir horchten. Wir weinten bei jedem Wort, denn wir dachten gleich, daß es mit Euch jetzt geschehen ist. Die Mitzerl ist weinend zur Schule gegangen und ich mußte ihr viel zureden: "Der liebe Gott wird den Adolferl schon schützen." 
Damit hat sie sich getröstet. Die Mutter ist vor Angst krank geworden. Erst auf Deine Karte hin ist sie aufgestanden. Die Hausfrau ist weinend in die Kirche gegangen, um weinend für ihre Lieben zu beten. Lieber Bruder, Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie hart es zu Hause ist, wenn man einen Freund an einem solchen Ort hat. Von der Hausfrau müssen jetzt wieder zwei Söhne einrücken. Jetzt sind es also schon vier Söhne dieser Mutter. Du kannst Dir denken, daß kein Tag vergeht, an dem nicht von Euch gesprochen wird. Auch sehen wir jeden Tag viermal singend unsere Soldaten vorbeimarschieren. Da sehen wir Euch immer im Geist mit dabei. Die Mutter sagt, daß sie Dich jeden Tag im Radio singen hört. Also kurz und gut wir danken Gott und unserem Führer, die alles so weißlich geordnet haben.
Lieber Bruder, aber eines wird uns sehr leid tun, wenn Du zu Ostern nicht kommen kannst. Die Mitzerl kann ein schönes Lied. Sie sagt, ich soll Dir schreiben, daß Du dieses Lied dem Hauptmann vorsingen sollst.
Also: 
Herr Hauptmann mein ich bitt ganz schön,
ei lossn's mi in Urlaub gehn.
In Urlaub geh ich gar so gern
bei meinem Schatzerl bin i gern. 
Die Mitzerl will Dir diesen Rat geben. Sie sagt, wenn der Adolf das singt, kann er bestimmt kommen.
Und wenn Du nicht kommen kannst und Du bist wieder an einem bestimmten Ort, dann schreibe uns sofort. Die Mutter möchte Dir Geld schicken. Auch ich möchte Dir einmal für ein paar Gläser Bier etwas schicken oder ein Packerl, wie Dir eben am besten geholfen ist. Wir wissen es nicht, lieber Bruder, was Du brauchen kannst. Sei nicht feige. Wir sind ja Deine Besten, wir werden bestimmt Deine Wünsche erfüllen.
Neues kann ich Dir sonst nicht viel schreiben. Bleibe schön gesund und wenn es möglich ist, so komme bestimmt zu Ostern. Jetzt schließe ich mein Schreiben mit vielen herzlichen Grüßen von Deiner Schwester, Mitzerl, Josef und Mutter. 

Dokumentart: Brief
Absender: Adolf Kaipel
Absendedatum: 30.3.1939
Absendeort: Wessely
Empfänger: Familie Kaipel
Empfangsort: Riedlingsdorf

Liebe Mutter!
Gott zum Gruß und Dir zur Freude schreibe ich Dir diese paar Zeilen und bitte um Entschuldigung mit meinem lang erwarteten Schreiben so lange gewartet zu haben. Es ist doch so schön, auch für einen Soldaten, an die Heimat zu denken. Ich weiß, liebe Mutter, daß Du Dir Sorgen machst ... Daß Du glücklich warst, wenn sich Deine Kinder um Dich scharrten und Dein Glück teilten. Nun hatte das Schicksal es anderes gewollt. Laß aber die Sorgen, Mutter. Ich weiß, daß es schwer ist. Man kann schließlich mit dem Schicksal der Vorsehung nicht rechnen. Es heißt sich zu fügen. Auch die Ostern kommen näher. Es scheinen schöne Ostern zu werden, aber nicht daheim wo deutsche Lieder gesungen werden sondern im Herzen der Tschechei. Es ist mir hier ganz gut gegangen. Sind notdürftig in einem Meierhof untergebracht.
Lieber Mutter, der Samuel schrieb mir. Was wird das Jahr 1939 noch alles bringen? Als der Bruder den Brief schrieb, bereiteten wir uns schon vor und am Mittwoch, Ihr werdet erst wach geworden sein, eilten wir mit unseren Waffen unseren Brüdern in der Tschechei zur Hilfe. Man weiß nicht und es ist auch fraglich, ob es so bleibt. Es ging ein rauher Wind, kleine Schneeflocken spielten sich um unseren ... und ... aber mit festem Schritt zog die Infanterie auf der Straße dahin mit dem Lied "Graue Soldaten ziehen auf der Straße, weit von der Heimat entfernt." Erst dann versteht man den Sinn von Liedern, wenn man wirklich diese Umstände miterleben muß. Was steht uns noch bevor und was werden wir noch erleben müssen, und das alles um die Heimat vor einer Verwüstung zu schützen. Wenn der Führer befiehlt und wir folgen, kann vor einem deutschen Heer kein Schranken gesetzt werden. Im Gegenteil, wir werden das Vordringen derer unterbinden. 
Nun muß ich mein Schreiben schließen. Neuigkeiten kann ich Euch nicht schreiben. Schreibt  mir viele Neuigkeiten. Mit herzlichen Grüßen an die Mutter und alle 
Euer Adolf Kaipel 
Adresse:  Soldat Adolf Kaipel
                2/131
                über Post 130124 Postleitstelle Wien
                Postanstalt für 44. Div.
                Lundenburg 
 

Dokumentart: Brief
Absender: Samuel Kaipel
Absendedatum: 21.5.1939
Absendeort: Riedlingsdorf
Empfänger: Adolf Kaipel
Empfangsort: Lundenburg

Lieber Bruder!
Haben Deine Karte bekommen und gleich besorgt, was Du geschrieben hast. Wenn es nicht gut ist, dann schreibe uns. Der Zapfel 24 hat geschrieben. Ich hoffe, daß es gut sein wird.
Lieber Bruder, Sonntag waren wir in Oberschützen bei der Denkmalweihe und da waren wir viele drüben. Es war sehr schön und der Gauleiter Überreihter hat die Denkmalenthüllung vollzogen. Bei seiner Ankunft hat er auf lauter Rosen gehen müssen. Alles hat Rosen geworfen. Er ist ein sehr netter Bursche. Bei einem Selcher am Hauptplatz haben sie gleich ihr Mittagsmahl abgehalten. Da sind die kleinen Kinder gestanden und er hat dem Selcher 20 RM gegeben und die Kinder haben alle Würstel bekommen. Das macht nicht ein jeder. Der D. Portschy war auch dabei. Er ist wieder sehr ernst gewesen. Er wird ihm nicht gepaßt haben, daß alle den Gauleiter so gern gehabt haben. Und noch was Neues. Der FÜHRER hat der Denkmalkommission einen schönen Lohn gegeben. Auf diesem Festabzeichen ist "Mahnmal" gestanden und da hat der Führer gemeint, dies ist ein Anschlußmahl, denn nur in München gibt es ein Mahnmal und nicht in Oberschützen.
Viele Grüße von uns allen
Samuel. 

Lieber Adolf, hätten uns sehr gefreut, wenn Du zu Pfingsten wieder bei uns sein könntest. Aber leider wie es scheint, kann es nicht sein. So schicke ich Dir acht Reichsmark. Kaufe Dir ein ... und ein Fleisch und sei fröhlich zu Pfingsten in der weiten Ferne und denk an mich. So wie ich an Dich, liebes Kind. Noch was Neues. Dein Bruder Johann, der ... (Anmerkung: ein Motorrad gekauft ???). Aber für seine Mutter hat er nichts. Es kostet 680 Mark. Wenn Du alles bekommen hast, so schreibe mit. Mein liebes Kind. 

Dokumentart: Brief
Absender: Adolf Kaipel
Absendedatum: 21.5.1939
Absendeort: Lundenburg
Empfänger: Familie Kaipel
Empfangsort: Riedlingsdorf

Meine Lieben!
Wir sind seit gestern wieder in Lundenburg. Haben einen Marsch hinter uns, den wir Gott sei Dank überstanden haben. In drei Marschtagen mußten wir 165 km meistern, die sehr müde 
Glieder hinterließen. Am vorletzten Tag hatten wir auf freiem Feld unter einem Zeltdach nur drei Stunden Schlafpause und um 12 Uhr nachts war plötzlich Alarm. Wir krochen aus unserem Zeltdach, rein in die Stiefel, bauten das Zeltdach ab, packten unseren Tornister und nach 35 Minuten waren wir schon über alle Dächer. Ich glaube, mancher der langsam spannt, kommt nicht einmal mit dem Schauen mit.
Seid nicht bös, daß ich leider nicht kommen kann, was mir selbst sehr unangenehm ist, da ich noch fest hoffte zu den guten Kirschen zurückzukommen. Bis ich komme, werden sie leider nicht mehr sein. 
Es ist jetzt 3/4 1 Uhr. Wir kommen erst vom Bierabend, wo es sehr heiter war. Die Urlauber bleiben gleich auf und ich gehe schlafen. Gebt meinem Kameraden für mich, wenn es möglich ist, eine Kirschenstrudel mit und seid nicht böse wegen der Wäsche.
Ob ich komme, bevor wir an die polnische Grenze verlegt werden, ist noch fraglich, obwohl es mir versprochen wurde.
So grüße ich Euch auf das Herzlichste
Euer Adolf Kaipel. 

 
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