Stalingrad - Die Wende des Krieges
Diese Internetseite zitiert eine Reihe von Briefen von Personen, die zum Zeitpunkt der Erstellung dieser Schreiben noch nicht unser heutiges Wissen über die grausamen Konsequenzen des Nationalsozialismus und des 2.Weltkrieges gehabt haben. Wenn man diese Briefe liest, sollte man diesen Umstand berücksichtigen. Der Leser sollte vielmehr versuchen, aus den Briefen die Stimmung, die Ängste und die Hoffnung der Menschen abzuleiten. Dadurch wird es ihm vermutlich leichter möglich sein zu verstehen, was die Menschen in dieser so furchtbaren und für uns so fernen Zeit empfunden haben.
Sollten die Briefe an manchen Stellen nationalsozialistische Ideen oder den Krieg verherrlichen, dann ersuche ich den Leser dies aus Gründen der Authenzität der Briefe zu akzeptieren. Solche Textstellen spiegeln jedoch nicht den Geist dieser Internetseiten wieder, ganz im Gegenteil, das Ziel dieser Dokumentation ist den Leser darauf hinzuweisen, wie wertvoll Friede und Völkerverständigung sind und welche furchtbaren Konsequenzen Krieg und Völkerhaß haben. 
Stalingrad - Die Wende des Krieges

Adolf Kaipel und Hans Nicka sind zu diesem Zeitpunkt zwar schon tot und Hans Bundschuh befindet sich verwundet in der Heimat, trotzdem möchte ich über die Schlacht von Stalingrad berichten, weil sie einerseits den Wendepunkt des Krieges darstellt und andererseits sich spätestens dort das Schicksal der drei erfüllt hätte.

Die deutsche Sommeroffensive läuft nach den anfänglichen Schwierigkeiten auf vollen Touren. Die beiden neu gebildeten Heeresgruppen A und B befinden sich auf dem Marsch nach Osten. Anders als im ersten Kriegsjahr stellt sich die Rote Armee vorerst nicht zum Kampf sondern zieht sich weit nach Osten zurück. Die deutschen Armeen führen zwar in altbewährter Manier großräumige Zangenbewegungen durch, doch die so gebildeten Kessel sind immer leer, weil die Russen sich rechtzeitig der Einkesselung entzogen haben. Hitler legt diese Rückzugstaktik als Zeichen für die Schwäche der Roten Armee aus, doch in Wirklichkeit hat das sowjetische Oberkommando aus den furchtbaren Verlusten der ersten Kriegsmonate die richtigen Lehren gezogen. So gibt man gern einige Quadratkilometer Land dem Gegner preis, wenn man dafür die Kampfkraft der eigenen Truppe retten kann. Die deutschen Angriffsdivisionen entfernen sich immer mehr von ihren Ausgangspositionen. Die immer länger werdenden Flanken werden mit Armeen der verbündeten Staaten Italien, Ungarn und Rumänien gesichert. Der Kampfwert dieser Truppen ist aber mehr als zweifelhaft. Die Männer sind schlecht motiviert, weil es nicht ihr Krieg ist, in den sie da hineingezogen werden. Die Bewaffnung und Ausrüstung spottet jeder Beschreibung, Panzerabwehrwaffen sind so gut wie nicht vorhanden. 

In der Zwischenzeit marschiert die Heeresgruppe A, zeitweilig unterstützt von der 4.Panzerarmee der Heeresgruppe B, nach Rostow, um das Tor zum Kaukasus aufzustoßen. Die Divisionen der 6.Armee dringen unterdessen weiter nördlich auf die Stadt Stalingrad vor, um dort den Wolgaschiffsverkehr, der für den Nachschub von Rüstungsgüter von großer Bedeutung ist, zu unterbrechen. Für das sowjetische Oberkommando ist die Wolga mit der Stadt Stalingrad der äußerste Endpunkt des Rückzuges. 'Bis hierher und nicht weiter' ist die Devise, die an die Truppen an der Front ausgegeben wird. Die deutschen Soldaten bekommen die Auswirkung dieses Befehls recht bald zu spüren, denn in Kalatsch stellt sich die Rote Armee wieder zum Kampf. Die Divisionen der 6.Armee zeigen noch einmal zu welch militärisch großartigen Leistungen sie noch fähig sind und kesseln die russische 62.Armee ein und vernichten sie. 70.000 Sowjetsoldaten gehen in deutsche Gefangenschaft. Es sollte dies aber die letzte große Kesselschlacht in diesem Krieg sein, in der sich die Rote Armee im Kessel und die Wehrmacht außerhalb befindet. Von jetzt an ist es umgekehrt! 

Stalingrad, die Stadt die Stalins Namen trägt, hat vor Beginn der Kämpfe rund eine halbe Million Einwohner. Sie erstreckt sich am Westufer der Wolga auf eine Länge von ungefähr 20 Kilometer. Durch die Selbstaufopferung der 62.Armee bei Kalatsch gewinnen die Sowjettruppen Zeit, um die Verteidigung der Stadt zu verstärken. Als erste Einheit der 6.Armee erreicht die berühmte 16.Panzerdivision in der letzten Augustwoche die Wolga nördlich von Stalingrad. Nach und nach treffen auch die Infanteriedivisionen ein. Dem Sturm auf die Stadt gehen heftige deutsche Luftangriffe voraus, denen mehr als 40.000 Zivilisten zum Opfer fallen. Nachdem der deutsche Vormarsch relativ problemlos abgelaufen ist, ändert sich nun die Lage radikal. Den Sturmkompanien der deutschen Angriffsdivisionen schlägt heftiges Feuer der Verteidiger entgegen, als sie versuchen in die Stadt einzudringen. Jedes Haus, jeder Straßenzug der Stadt wird von der Roten Armee zäh verteidigt, so daß jeder Meter Bodengewinn blutig erkauft werden muß. Die Verluste der deutschen Angreifer schnellen sofort rapid in die Höhe. Viele lernen hier eine neue verlustreiche Kampfart kennen, den Häuserkampf. Oft verläuft die Front mitten durch die Gebäude. Es kann vorkommen, daß das Erdgeschoß von den Deutschen gehalten wird, während im ersten Stock die Russen sitzen. In den Stiegenhäusern kommt es dann zu Handgranatenduellen oder zum Kampf Mann gegen Mann. Die Kampfhandlungen führen auch dazu, daß sich die Stadt immer mehr in eine Mondlandschaft verwandelt. Die deutschen Divisionen, die mitten in der Stadt eingesetzt sind, bluten im Laufe der Wochen aus und müssen durch frische Divisionen ersetzt bzw. unterstützt werden.

Die österreichische 100.Jägerdivision ist bis jetzt von der Schlacht verschont geblieben, da sie außerhalb der Stadt Sicherungsaufgaben zu erfüllen hat. Am 21.September ist es aber auch für sie soweit, sie erhält den Befehl den Angriff der im Stadtzentrum schwer ringenden deutschen Divisionen zu unterstützen. Der folgende Bericht aus der Divisionsgeschichte der 100.JD gibt den ersten Eindruck, den die Soldaten von der Stadt vermittelt bekommen, wieder:

"Zwischen dem 23. und 25.September zogen die Kampfeinheiten der 100. in Stalingrad ein. Schon weit vor der Stadt, auf der Hochebene zwischen Don und Wolga, hörte man das dumpfe Grollen der Schlacht. Nach Überwindung der letzten kleinen Anhöhe sah man ein Meer niedriger Häuser, manchmal ragten Hochbauten und Fabriksschornsteine heraus, dahinter wand sich das in der Sonne glitzernde Band der Wolga und dahinter lag eine dunstige Ebene. Während im Südteil der Stadt Ruhe herrschte, standen über der Stadtmitte Qualmwolken, aus denen, ein riesiger Silo hervorragte. Der Nordteil von Stalingrad lag völlig in dunkle Wolken gehüllt. Brennendes Öl und Detonationswolken fallender Bomben bildeten eine dicke Schicht über den Häusern. Darüber schwebten zahllose kleine weiße und dunkle Wölckchen; die russische Flak schoß, was die Rohre hergaben. 

Derjenige, der bei Nacht in die Stadt hineinkam, konnte vor den schwelenden Bränden die Silhouetten der Häuser erkennen. Der Himmel war von zahlreichen Scheinwerfern erhellt und die deutsche Flak feuerte auf die russischen Bomber. So wie der Tag der deutschen Luftwaffe gehörte, war die Nacht die Domäne der sowjetischen Luftflotte. Auch jenseits der Wolga sah man nachts Scheinwerfer, manche wiesen durch 'Nicken' des Lichtstrahls die Nachtbomber auf ihre Ziele am westlichen Wolgaufer ein."

Der 100.Jägerdivision geht es nicht besser als den anderen Divisionen, auch sie erleidet vom ersten Tag an bei den Kämpfen in dieser Mondlandschaft furchtbare Verluste. Zu welch bizarren Situationen der Kampf in diesen Tagen führen kann, zeigt eine weitere Episode aus der Divisionsgeschichte der 100.Jägerdivision:

"Die Kämpfe um die Industrieanlagen brachten die Erkenntnis, daß Stukaangriffe, die Werkhallen zerstörten, dem Verteidiger mehr Vorteile brachten als dem Angreifer. Das Chaos an Trichtern, Ziegelhaufen und stehengebliebenen Mauerresten gab dem Verteidiger, der sich überall gut decken konnte und dadurch fast unsichtbar blieb, gegenüber dem vorstürmenden Angreifer mehr Trümpfe in die Hand.

Aus dem noch nicht eroberten Teil des 'Roten Oktober' (Anmerkung: Name eines Traktorenwerkes in Stalingrad) sandte eine Stalinorgel immer wieder ihre Raketengeschosse gegen die deutschen Stellungen und Stützpunkte. Sie war einfach nicht zu fassen, obwohl ihr Feuer ständig aus der gleichen Richtung kam. Es stellte sich alsbald heraus, daß die Russen das Salvengeschütz auf einen Aufzug montiert hatten, es dann jeweils im Keller nachluden, zur Schußabgabe hochkurbelten und nach jeder Salve sofort wieder in der Unterwelt verschwinden ließen. Auch der Versuch eines VB (Anmerkung: Vorgeschobener Beobachter einer Artillerieabteilung) des AR 83, der sich von einem durch Panzerplatten recht gut geschützten B-Stand im Oberstock eines Hauses auf diese Stelle eingeschossen hatte, das Salvengeschütz außer Gefecht zu setzen, scheiterte an der zu langen Flugzeit der eigenen Granaten. Obwohl der ermittelte Schußwert an den Geschützen eingestellt blieb und das Feuer von den Geschützen in dem Moment abgerufen wurde, in dem die Stalinorgel zu schießen begann, blieb dem Russen Zeit genug, das Salvengeschütz jeweils zeitgerecht im Keller verschwinden zu lassen."

Während in der Stadt die blutigen Kämpfe weitergehen, machen sich viele Offiziere Gedanken über die strategisch ungünstige Position der 6.Armee in diesem Kampfraum. Sie blicken sorgenvoll auf die nur unzureichend durch Ungarn, Italiener und Rumänen geschützten Flanken. Die Feindaufklärungsoffiziere registrieren sorgfältig alle Truppenbewegungen im feindlichen Hinterland und schon bald kommen sie zum Schluß, daß bei den Sowjets eine größerere Operation bevorsteht. Die vorgesetzten Dienststellen werden informiert und auch der Befehlshaber der 6.Armee, Generaloberst Paulus, wird von dieser besorgniserregenden Entwicklung informiert. Der General zeigt sich zwar nachdenklich, er handelt aber weiter entsprechend den Befehlen seines Führers, die besagen, daß er sich nur um die Eroberung von Stalingrad zu kümmern hat. In wochenlangen Kämpfen werden die sowjetischen Verteidiger immer mehr in Defensive gedrängt. Obwohl sie ständig über die Wolga mit frischen Truppen versorgt werden, wird der Raum den sie verteidigen immer kleiner. Diese Geländegewinne werden aber von den deutschen Truppen unverhältnismäßig teuer bezahlt.

Die 44.Infanteriedivision ist bis jetzt von den Kämpfen verschont geblieben. Sie befindet sich nordwestlich von Stalingrad in einem Sicherungseinsatz am Don. Die brutale Schlacht im Häusermeer von Stalingrad liegt in weiter Ferne und die Männer der 44.ID beginnen sich schon langsam auf den Winter einzurichten. Mit Sorge beobachtet man aber den sowjetischen Truppenaufmarsch beim linken Nachbar, der 3. rumänischen Armee.

Die Sorge ist berechtigt, denn vor der Front der 3. rumänischen Armee marschiert der nördliche Zangenarm der Operation "Uranus" auf, die das Ziel verfolgt, die 6.Armee bei Stalingrad einzukesseln und zu vernichten. Die Sowjets haben zu diesem Zweck aus dem ganzen Land Truppen an die Stalingrader Front geworfen. Am 19. November 1942 erzittert die Front der Rumänen unter dem Feuerschlag Tausender Stalinorgeln und Artilleriegeschützen. Dem Trommelfeuer folgt der Sturm der Panzer und der sowjetischen Infanterie. Die rumänische Frontlinie wird im ersten Ansturm überrannt. Die rumänischen Divisionen erleiden furchtbarste Verluste und in wenigen Stunden wird die gesamte Armee aufgerieben. 

Die 44.ID erhält den Befehl sich in Richtung Stalingrad zurückzuziehen. Den Soldaten ist es etwas flau im Magen, als sie sich von der Sicherungsfront lösen und in Richtung Osten abmarschieren, wo doch der Feind nun im Westen sitzt. Einen Tag später bricht auch südlich von Stalingrad das Inferno auf die dort stationierten rumänischen Sicherungsdivisionen ein. Nun setzt sich auch der zweite Zangenarm der Operation "Uranus" in Bewegung. Lediglich die sich im Hinterland befindliche 29.Panzergrenadierdivision kann erfolgreich Widerstand leisten, als aber auch sie den Befehl zum Rückzug nach Stalingrad erhält, muß sie den Kampf abbrechen. Es gibt nun niemanden mehr, der sich den beiden sowjetischen Zangenarmen entgegenstellen kann. Am 22.11. treffen sich die Panzer der beiden Stoßkeile bei Kalatsch, dort wo die 6.Armee Wochen zuvor ihre vorletzte Kesselschlacht gefochten hat. Ihre letzte ficht sie in Stalingrad, aber hier sitzt sie im Kessel!

Diese dramatischen Stunden werden in folgendem Bericht aus dem Buch 'Die Schlacht um Stalingrad' wiedergegeben: 

"Am Rand von Sowjetski, knapp 25 Kilometer südostwärts der Brücke von Kalatsch, standen sowjetische T34 im Nahkampf mit deutschen Nachschubeinheiten, die versuchten, den Ort zu halten. Durch den Gefechtslärm wurden die Panzer des russischen 4.Panzerkorps unter General Viktor Wolski, die sich vom Süden und Westen dem Ort näherten, gewarnt. Um ihre Kameraden vom nördlichen Angriffskeil auf sich aufmerksam zu machen, schossen sie regelmäßig grüne Erkennungssignale. Am 23.November kurz vor 16 Uhr antwortete ihnen plötzlich eine Serie grüner Leuchtkugeln im Nordwesten, und Wolskis Panzer rollten weiter vor. Hunderte von Rotarmisten in Schneehemden stürmten ihnen entgegen, und die beiden Angriffsspitzen vereinigten sich in einem Taumel von Freudenschreien, Umarmungen und Tränen.

Fast hysterisch vor Freude, tanzten die Rotarmisten über den Schnee und feierten ihren unglaublichen Triumph. In weniger als 96 Stunden hatten sie den Ring hinter der 6.Armee geschlossen. Mehr als 250.000 deutsche Soldaten saßen in der Falle - abgeschnitten in einer riesigen Schneewüste."

Für die Russen ist diese Operation eine Genugtuung ohnegleichen. Nach den Katastrophen der letzten Monate, nach Millionen Toten unter den Soldaten und der Zivilbevölkerung, nach der Verwüstung von Landstrichen, die ein Mehrfaches von der Größe Deutschlands ausmachen, hat man endlich einen Erfolg gegen den als unbesiegbar geltenden Feind errungen. Selbst das sowjetische Oberkommando ist vom Erfolg überrascht. Hat man ursprünglich mit 100.000 eingekesselten deutschen Soldaten gerechnet, erkennt man jetzt, daß es mehr als 250.000 sind. 

Es sind dies die Angehörigen von
- 5 Generalkommanden: IV.,VIII.,XI.,LI.Armeekorps, XIX.Panzerkorps
- 12 Infanteriedivisionen: 44.,71.,76.,94.,113.,295.,297.,305.,371.,376.,384. und 389.ID
- 1 Jägerdivision: 100.JD
- 3 Panzergrenadierdivisionen: 3.,29.,60.ID(mot)
- 3 Panzerdivisionen: 14.,16.,24.PD
- 1 Flakdivision: 9.
- 2 rumänischen Divisionen: 1.rum.Kavalleriedivision, 20.rum.ID
- sowie über 100 selbständigen Einheiten (z.B. Pionierbataillone, Baubataillone, Artillerieabteilungen etc.)

Hitler verbietet der Armee jeden Ausbruchsversuch und befiehlt, daß sich die Armee in Stalingrad einzuigeln hat, um auf Entsatz von außen zu warten. Bis dahin wird sie von der Luftwaffe mit dem notwendigen Nachschub versorgt. Hitlers Vorstellungen entbehren jeder realistischen Grundlage, denn eine Armee mit 250.000 Mann kann man nicht aus der Luft versorgen. Zwar hat es im Winter zuvor im Bereich der Heeresgruppe Mitte einen ähnlichen Fall gegeben, als das im Kessel von Demjansk eingeschlossene II.Armeekorps mit ungefähr 100.000 Mann aus der Luft versorgt wurde, aber in Stalingrad ist die Situation anders. Die Luftwaffe muß erst mühsam aus ganz Europa Transportraum heranschaffen. Das schlechte Wetter beeinträchtigt die Aufrechterhaltung der Luftbrücke, die Sowjets haben entlang der Einflugschneisen unzählige Flakgeschütze aufgestellt und holen zusammen mit ihren Jagdflieger Dutzende deutsche Flugzeuge vom Himmel. Trotz des unermüdlichen Einsatzes der Luftwaffe können selbst an den besten Tagen nie mehr als 50% des lebensnotwendigen Bedarfes der 6.Armee eingeflogen werden. Auch wird die Strecke, welche die Flugzeuge zurücklegen müssen, immer länger, da die Sowjets ihre Panzerkorps in den freien Raum weit nach Westen stürmen lassen, wo sie  immer wieder die deutschen Abflugbasen überrennen. Die Quote verschlechtert sich noch weiter als die beiden größeren Flughäfen im Kessel, Pitomnik und Gumrak, verlorengehen und nur noch Verpflegungsbomben abgeworfen werden können. Es gelingt aber auch viele verwundete Soldaten auszufliegen, die somit vor dem sicheren Untergang gerettet werden.

Was die Ersatzoperation betrifft, so stehen außerhalb des Kessels vorerst keine geeigneten Truppen zur Verfügung. Es droht vielmehr noch eine größere Katastrophe, denn die Heeresgruppe A steht mit Teilen der 4.Panzerarmee, der 1.Panzerarmee und der 17.Armee nach wie vor im Kaukasus. Wenn es den Russen gelingt, nach Rostow vorzustoßen, dann sitzt der gesamte deutsche Südflügel in der Falle. Dann sind statt einer Armee vier mit über einer Million Soldaten im Kessel. In dieser Situation betritt ein Mann die Bühne, der in den letzten Monaten und Jahren schon zur Legende geworden ist, Generalfeldmarschall von Manstein, der geistige Vater des Angriffsplanes auf Frankreich. Er übernimmt die neugegründete Heeresgruppe Don, die sich aus der eingeschlossenen 6.Armee und allen außerhalb des Kessels befindlichen Truppen zusammensetzt. Manstein erkennt sofort die Gefahr, die der Heeresgruppe A droht und drängt nun ständig darauf den Rückzugsbefehl für diese Einheiten zu erhalten. Hitler, der keinen Quadratmeter eroberten Boden preisgeben will, schaltet vorerst auf stur. 

Der Kampf außerhalb des Kessels lastet somit in den ersten Tagen und Wochen auf den Schultern von rasch aufgestellten Alarmeinheiten, die sich den anstürmenden Russen stellen. Improvisation ist das Gebot der Stunde. Dort wo sich gerade deutsche Soldaten befinden, werden bunt zusammengewürfelte Einheiten gebildet. Diese namenlosen Verbände leisten unter den schwierigsten Bedingungen heldenhaften Widerstand. Viele gehen kämpfend unter, ohne für ihre Leistung entsprechend gewürdigt zu werden, aber ihre Selbstaufopferung unterstützt den Generalfeldmarschall von Manstein bei seinen Bemühungen die deutsche Südfront wieder zu stabilisieren.

Einer dieser Wellenbrecher ist die 3.Gebirgsdivision (siehe Kapitel 'Der Kampf im hohen Norden'), die im Jänner 1943 eine Woche lang in Millerowo heldenhaft Widerstand leistet, eingeschlossen wird, schließlich ausbricht und sich zwischen den russischen Truppen hindurch zu den in Aufbau befindlichen deutschen Truppen durchschlägt. Die Stunden dieses Ausbruchs sind im Buch 'In der  Hölle von Millerowo' beschrieben:

"16.Januar 1943
Wenige Stunden nur blieben noch bis zum Aufbruch. Zum Schlafen war es zu wenig, zum Wachen zu lange. Die erneut einsetzende und donnernd um uns tobende Beschießung hätte uns auch gar nicht zu Ruhe kommen lassen. Wir versuchten einen Witz darüber zu machen, wenn eine Granate wieder knapp neben dem Bunkerdach niederging, aber es wollte nicht recht gelingen. Es blieb nur ein erzwungenes, tonloses Lachen.

Die gesamten Kampfkräfte des südlichen Frontabschnittes waren um Mitternacht abgezogen worden und befanden sich jetzt unten in der Stadt. Die Südfront war entblößt. Wir waren die einzigen, die noch vorne lagen. Der Gegner hatte aber über diese Bewegung anscheinend noch keine Kenntnis. Es wunderte uns, daß er sich so ruhig verhielt und nicht einmal mit Spähtrupps vorzufühlen versuchte. Das deutsche Vorhaben konnte ihm nach den zahlreichen Sprengungen in der Stadt doch nicht verborgen geblieben sein!

Stunden waren vergangen, Stunden, die uns in unserer Ungeduld und Erregung wie eine Ewigkeit vorkamen. Freundlich goß der Mond sein bleiches Licht über die weiten Schneefelder hin.

Gegen zwei Uhr früh machten wir uns fertig zum Aufbruch, packten Decken, Mäntel, die noch verbliebenen Lebensmittel und die eigene Habe in den Futtersack. Die Briefe und sonstigen persönlichen Sachen hatten wir schon am Abend verbrannt. Der Leutnant schlug uns vor, den Ausbruch mit der Leichten Batterie zusammen zu machen. Das Gepäck könnten wir auf einem Schlitten unterbringen, tragen müßten wir nichts als Karabiner und Ausrüstung. Uns war das recht, obwohl wir vorher gerne noch einmal zu unserer Einheit gegangen wären. Diese war aber vielleicht schon abgerückt, und von unseren Sachen konnten wir doch nichts mehr retten, weil ja alles befehlsgemäß hatte verbrannt werden müssen. Außerdem würden wir sicher schon in den nächsten Stunden auf unsere Batterie stoßen.

Als wir aus dem Bunker traten, sahen wir den Himmel in seiner ganzen Weite blutigrot von Bränden erleuchtet. Ein unsagbar schauriger Anblick hielt uns gebannt. Millerowo, die Stadt zu unseren Füßen, brennt, ein wogendes, züngelndes Flammenmeer breitet sich aus. Hohe Flammenbündel lodern gespensterhaft in den nächtlichen Himmel, werfen tiefe, zitternde Schatten weit in die erstorbenen Schneefelder hinein und tauchen die Umgebung, die weitausschweifenden Hügel rings um die Stadt in flackernden, zuckenden Schimmer. Und aus dem brennenden Häusermeer ragt glühend der mächtige Silo.

Grauenhaft der Anblick und unvergeßlich!"

Die 3.Gebirgsdivision hat Glück und erreicht, nachdem sie einige kritische Situationen durchgestanden hat, die Stadt Woroschilowgrad, wo sie auf deutsche Truppen trifft. Dutzende Gebirgsjäger bleiben tot auf dem schneebedeckten Kampffeld zurück, sie haben den Wettlauf mit dem Gegner verloren. 

In der unmittelbaren Umgebung von Stalingrad selbst ist für Anfang Dezember eine Entsatzoperation geplant. Das Heranführen von frischen Kräften für die Entsatzoperation dauert viel zu lange. Erst im Laufe der zweiten Dezemberwoche wird das 57.Panzerkorps mit der 6. und 23.Panzerdivision in das Kampfgebiet transportiert. Fünf Tage später folgt als Verstärkung die 17.Panzerdivision nach. Das Korps kämpft sich unter unvorstellbaren Bedingungen durch die winterliche russische Steppe, ständig bedroht von überlegenen Feindkräften, bahnen sich die deutschen Panzer ihren Weg vorwärts. Bis zum 20.Dezember haben sie das kleine Wunder geschafft und sich bis auf 48 Kilometer an Stalingrad herangekämpft. Hinter der Kesselfront warten bereits die letzten mobilen Einheiten der 6.Armee auf den Befehl zum Ausbruch. Der Ausbruchsbefehl wird aber niemals gegeben. Denn die Panzer im Kessel haben nur für ungefähr 20 Kilometer Treibstoff, so daß die Infanteriekräfte die letzten Kilometer bis zur Entsatztruppe ohne Panzerunterstützung zurücklegen müßten. Paulus befürchtet daher, daß seine Männer von den Russen in der Steppe niedergemacht werden. Manstein wiederum erwartet sich, daß der Befehl zum Ausbruch von Hitler kommen muß, aber dieser war von Anfang an gegen diesen. So wird diese letzte Chance für die 6.Armee vertan, denn  zu Weihnachten sind die Kräfte des 57.Panzerkorps bereits erschöpft. Es kann nicht länger seine exponierte Stellung halten und muß sich wieder zurückziehen. Für die Soldaten sind das sehr traurige Weihnachten, für die meisten sind es ihre letzten. 
 

Aus der Divisionsgeschichte der 44.ID ist über diese Kriegsweihnacht 1942 im Kessel von Stalingrad folgender Bericht entnommen:

"Unvergeßlich bleibt für uns Überlebende das traurigste Weihnachtsfest, 1942 im Kessel von Stalingrad. Mit ganz bescheidenen Mitteln feierten die einzelnen Männer, oder wenn es möglich war, in kleinen Gruppen, dieses Fest. Mit Steppengras bereiteten wir unsere Christbäume. Sie gaben uns im tiefen Rußland, weit von unseren Lieben entfernt, die Weihnachtsstimmung. Unser Abteilungskommandeur ging von Loch zu Loch und fand für jeden ein tröstendes Wort. Es gab auch fast keinen Soldaten im Kessel, dem nicht über sein leidverzerrtes Gesicht eine Träne lief, denn einem jeden war klar geworden, daß es vielleicht sein letzter Weihnachtsabend war. 
...
In den Löchern der Panzerjägerabteilung 46 half eine Mundharmonika nach, wenn die Melodie von der Stillen Nacht in dem schluchzenden Gesumme untergehen wollte, weil die stummen Tränen über die vom Hunger und Kampf zerfurchten Gesichter rannten." 
 

Welchen Lebenswillen die Männer der 6.Armee noch haben, zeigt jene Episode aus dem Buch 'Die Schlacht von Stalingrad', die sich in der Silvesternacht 1942/43 an der Kesselfront zugetragen hat:

"Um Mitternacht deutscher Zeit richtete ein Soldat der 24.Panzerdivision im Nordostzipfel des Kessels sein Maschinengewehr gegen den Himmel und jagte einen Feuerstoß mit Leuchtspurgeschossen in die Nacht. Andere Einheiten folgten spontan seinem Beispiel, das nach Westen zur 16.Panzerdivision und zur 60.Panzergrenadierdivision, dann um den Kesselvorsprung von Marinowka herum zur 3.Panzergrenadierdivision und herunter zur 29.Panzergrenadierdivision übersprang; von da die Südfront entlang zur 297. und 371.Infanteriedivision und zurück in die Straßen von Stalingrad, wo die Landser ihre Waffen aus den Schießscharten der Keller steckten und ein Feuerwerk über die Ruinen des Fabriksviertel zauberten. Der Feuerkreis stand für Minuten um den ganzen Kessel herum. So begrüßten die Deutschen das neue Jahr, das so hoffnungslos begann.

Wer im Zentrum des Kessels stand, bei Pitomnik und Gumrak, der konnte erkennen, wie aussichtslos die Lage war. Der Feuerkreis zeichnete die Grenzen des Kessels in den Himmel, und der Kessel erschien auf einmal furchtbar klein."

Das Glück hat die 44.Infanteriedivision im Kessel von Stalingrad verlassen. War die Division in den Anfängen der Schlacht um Stalingrad durch ihre Sicherungstätigkeit am Rande der Armeezone von den schweren Verlusten, die die Kämpfe in der Stadt gefordert haben, verschont geblieben, befindet sie sich nun im Zentrum des Geschehens. Die Russen versuchen den Kessel von Westen einzudrücken, gerade an jener Stelle an der sich die 44.Infanteriedivision befindet. Bereits Anfang Dezember ist die Division in der deckungslosen, verschneiten Steppe bei einem russischen Massenangriff schwer angeschlagen worden. Nur unter Aufbietung der letzten Kräfte konnte eine Katastrophe verhindert werden. Am 10.1.1943 bricht neuerlich das Unheil über die 44.ID herein.
Folgender Bericht aus jenen Tagen ist der Divisionsgeschichte entnommen:

"Am 10.1.43 brach die Hölle los. Der Großangriff der Russen begann. Ein einstündiges Trommelfeuer - im Verlauf des 2.Weltkrieges in dieser Stärke bislang einmalig - ging auf die deutschen Stellungen nieder.
Und dann setzten sich die feindlichen Angriffswellen in Bewegung. Starke Panzerverbände unterstützten die Infanterie. Bei diesiger Sicht näherten sich verschwommen die dichten Trauben der russischen Kompanien. 
Da die Artillerie der Division aus Munitionsmangel nur 5 Schuß verschießen durfte, standen nur die leichten Infanteriewaffen zum Abwehrkampf zur Verfügung. Kurz bevor die Angriffsspitze sich den eigenen Stellungen näherte, begannen die Maschinengewehre zu hämmern und brachten den feindlichen Ansturm zum Wanken. Schwere Verluste führten vorerst zum Angriffsabbruch der ersten Welle. Aber wie in einem Ozean Woge auf Woge folgt, so griffen die Russen wieder und wieder an, kaum daß man ahnen konnte, woher sie kamen. Auch die zweite und dritte Welle wurde zerschlagen. Doch immer wieder erneuerte sich der Angriff, immer näher rückten die russischen Infanteristen, 'Urräh-Rufe' wurden laut. Alle heldenhafte und übermenschliche Gegenwehr vermochte gegen diese Übermacht an Mann und Gerät einfach nichts mehr ausrichten. Das IR131 mußte kämpfend auf den Nordrand der Ssowchose Nr.1 zurückgehen, wo dem Ansturm Einhalt geboten werden konnte. Ein Durchbruch durch den Abschnitt des Regimentes war unter schweren Menschen- und Materialverlusten verhindert worden." 

Die schwer angeschlagene Division hat dem Feind noch einmal schwerste Verluste zugefügt. Aber das Ende zeichnet sich bereits ab. Die Divisionen der 6.Armee ziehen sich in den nächsten Tagen langsam Richtung Osten auf Stalingrad zurück. Dort will man sich zum Endkampf stellen. Was die schwer gezeichneten, unterernährten Soldaten auf ihrem Rückzug in die letzte Verteidigungsstellung zu Gesicht bekommen, ist in der Divisionsgeschichte der 44.ID beschrieben:

"Am 18.1. ging der Rückmarsch unter dem Schutz von Nachhuten ausnahmsweise am Tag vor sich. Während bei Nacht die Dunkelheit mildtätig alles verbarg, zeigte das Tageslicht schonungslos die Zeichen des Zusammenbruchs; Hunderte von verlassenen Fahrzeugen, unzerstört, zerstört, umgestürzt; verstreute Geräte aller Art; Gefallene und Tote, teils vom Schnee verweht am Weg - auf dem Weg; Schwerverwundete, in Baracken liegen geblieben und auf die Russen wartend; Pferde, zusammengebrochen und halb ausgeschlachtet. Zwischen all dem hindurch bewegten sich die Einheiten nach Stalingrad - ein 'verlorener Haufen'! Ein erschütterndes Bild dieser Situation: Am Wegesrand lag eine von einer Fliegerbombe getroffene Gruppe deutscher Soldaten. Einzelne hatten Glieder verloren, das Blut war vom Eis gefroren; niemand hatte sie verbunden, niemand hatte sie von der Straße geschafft. Alle Kolonnen waren an ihnen vorübergezogen, in dumpfer Ausweglosigkeit mit sich selbst beschäftigt. Major P. (Kommandeur I./IR134) ließ die Verwundeten verbinden, nebeneinander legen und für sie einen Sanitäter zurück, bis ein LKW kommen würde, um die Unglücklichen zu mitzunehmen. - Es kam kein LKW mehr." 

Dieses Horrorszenario ist Adolf, Hans und Hans Nicka erspart geblieben. An Stalingrad hätte für sie kein Weg vorbeigeführt. Adolfs Kompaniekommandant, Oberleutnant Schatte, der den Brief an Adolfs Eltern einige Monate vorher verfaßt hat, ist einer der letzten Offiziere des Infanterieregimentes 131. Er führt die Reste des Regimentes, nun 'Kampfgruppe Walther' genannt, während der letzten Kämpfe im Kessel. Wie der folgende Bericht aus der Divisionsgeschichte zeigt, hätte sich spätestens an dieser Stelle Adolfs Schicksal erfüllt:

"Am Ostrand des inzwischen verlorengegangenen Flugplatzes Pitomnik fand die 'Kampfgruppe Walther' wieder Anschluß an die 44.ID, die hier in einer neuen Verteidigungslinie lag. Ihre Gliederung von rechts: IR131, I./IR230, Pionierzug/IR131, Festungsbataillon 1; Anschluß links: 'Kampfgruppe Boje' (IR134). Der Gegner brach in ihre Reihen ein, noch ehe sie sich zur Verteidigung einrichten konnten und drückte zwischen Pionierzug/IR131 (Anmerkung: Das sind Adolf Kameraden!!) und I./IR230 durch. Der Versuch, diesen Einbruch im Gegenstoß zu bereinigen, mißlang. Oberleutnant Schatte (Anmerkung: Adolfs Kompaniekommandant) fand dabei den Tod. Zu einem planmäßigen Angriff fehlen die Kräfte. Panzer gab es nicht mehr, der Rest der gesamten Divisionsartillerie hatte wenige Kilometer ostwärts die Stellung 'letzte Batterie' bezogen, doch war wegen Munitionsmangel mit wirksamer Feuerunterstützung nicht mehr zu rechnen. Die Infanterie, nur noch auf ihre leichten Waffen angewiesen, befand sich am Ende ihrer Kräfte." 

Auch bei den anderen Divisionen der 6.Armee ist die Lage aussichtslos geworden. Immer enger drücken die russischen Angreifer den Kessel zusammen. Die entkräfteten deutschen Soldaten können immer weniger dagegenhalten. Nach dem Flughafen Pitomnik geht auch der Flughafen Gumrak verloren. Was dies für die Soldaten der 6. Armee und hier vorallem für die Verwundeten bedeutet, ist im Buch 'Stalingrad' von Antony Beevor nachzulesen:

"Der Fall von Gumrak bedeutete eine weitere schreckliche Reise für die Verwundeten, von denen viele bereits aus Pitomnik hergebracht worden waren, nachdem sie dort keinen Platz in einem der Flugzeuge gefunden hatten. 'In der Stadt und in den Trümmern schleppten sich die erschöpften Verwundeten', berichtete ein Überlebender, 'wie die Tiere auf allen vieren kriechend vorwärts, um irgendwo Hilfe zu finden.'
Die Zustände in den improvisierten Lazaretten von Stalingrad waren noch schlimmer als in Gumrak. Hier waren etwa 20.000 Verwundete in Keller unten den Ruinen der Stadt gepackt worden, von den Kranken ganz zu schweigen, womit die Gesamtzahl auf 40.000 anstieg. Etwa 600 Schwerverwundete füllten die Keller des Theaters von Stalingrad, wo es weder Licht noch sanitäre Anlagen gab. 'Stöhnen, Bitten, Beten', schrieb ein Arzt der 60.IDmot., 'gemischt mit dem Lärm der Einschläge, lähmender Geruch und Rauch, Blut- und Wundgestank erfüllte die Räume.' Es gab weder Verbandszeug noch Arzneimittel, geschweige denn sauberes Wasser."

Besonders schlimm waren die Zustände in der Zariza-Schlucht, wo in einem Tunnelsystem, das an einem Bergwerk ähnelt, mehrere Tausend Schwerverwundete untergebracht sind. Welche grauenhaften Zuständen in diesem Vorhof der Hölle herrschten, hat Antony Beevor ebenfalls in seinem Stalingradbuch für die Nachwelt niedergeschrieben:

"Als Dr.Hermann Achleitner hier seinen Dienst antrat, erinnerte er sich an das Zitat: 'Die ihr hier hineingeht, laßt alle Hoffnung fahren.' Die Stapel mit erfrorenen Leichen draußen schockierten ihn zutiefst. Im Inneren wurde das Bild der Hölle durch improvisierte Öllampen als einzige Lichtquellen verdeutlicht. Die stinkende, sauerstoffarme Luft zu atmen war abscheulich. Er wurde mit jämmerlichen Schreien begrüßt: 'Gebt uns was zum Fressen!'...
Der Mangel an Verbandszeug war für die Fälle von schweren Erfrierungen bedrohlich. 'Manchmal', so schrieb der Arzt, 'blieben Zehen und FInger im Verband, wenn wir die verschmutzten, alten Verbände abnahmen.' Das Entlausen war unmöglich.Starb ein Soldat, so konnte man beobachten, wie die Läuse auf der Suche nach lebendem Fleisch massenhaft den lebenden Leichnam verließen... 
Ein junger deutscher Soldat murmelte, als er das Elend um sich herum betrachtete: 'Sie dürfen zu Hause nie erfahren, was hier geschieht."   
 
Zuhause sorgt die nationalsozialistische Propaganda dafür, daß der Bevölkerung die Vernichtung einer ganzen Armee als größtes Heldenopfer in der deutschen Geschichte erklärt wird. Reichsmarschall Hermann Göring vergleicht in einer öffentlichen Rede, die auch in Stalingrad von den wütenden und sich verraten fühlenden Soldaten empfangen wird, das Opfer der 6. Armee mit dem Schicksal der Spartaner am Thermopylen-Pass im Kampf gegen die Perser. 
Für den Oberbefehlshaber der Armee, Generaloberst Paulus hat sich Hilter etwas Besonderes ausgedacht, er befördert ihn Ende Jänner zum Generalfeldmarschall in der Hoffnung, daß sich dieser das Leben nimmt, denn 'ein deutscher Generalfeldmarschall geht nicht Gefangenschaft'. Paulus, psychisch und physisch stark angeschlagen, macht ihm diesem Gefallen hingegen nicht und kapituliert Ende Jänner endlich vor der Roten Armee, nachdem der Kessel bereits in zwei Teile gespalten worden ist. Hitler bekommt einen Tobsuchtsanfall nachdem er von 'Paulus schändlichem Vorgehen erfährt'. In weiterer Folge wird über Paulus Familie die Sippenhaft verhängt.

Antony Beevor hat auch die Szenen der Kapitualtion niedergeschrieben:
"Als die ausgemergelten Gefangenen aus ihren Kellern und Bunkern stolperten und dabei die Hände als Geste der Kapitulation hochhielten, suchten ihre Augen häufig nach einem Stück Holz, das ihnen als Krücke dienen konnte. Die meisten litten unter so schrecklichen Erfrierungen, daß sie kaum gehen konnten. Fast jeder hatt Zehennägel, wenn nicht gar Zehen verloren. Sowjetische Offiziere stellten fest, daß sich die rumänischen Soldaten in einem noch schlimmeren Zustand befanden als die Deutschen. Offensichtlich waren ihre Rationen bereits früher gekürzt worden, um die Kampfkraft der Deutschen zu erhalten.
Die Gefangenen hielten ihre Augen gesenkt und wagten ihre Bewacher oder die abgemagerten Zivilisten, die aus den Ruinen in so erstaunlicher Zahl aufgetaucht waren, nicht anzuschauen. Ringsherum brachen einzelne Schüsse das Schweigen auf dem früheren Schlachtfeld. Schüsse in den Bunkern klangen gedämpft. Niemand wußte, ob dies jeweils das Ende eines Soldaten bedeutet, der im Versteck gefunden worden war oder irgendeine Art von Widerstand geleistet hatte, oder den Tod eines Schwerverwundeten, dem der Rest gegeben wurde.
Jene besiegten Überreste der 6. Armee verfügten nicht mehr über Waffen und Helme, sie trugen tief heruntergezogene Wollmützen oder hatten Lumpen gegen den klirrenden Frost um ihren Kopf gewickelt; frierend, zitternd in ihren unzureichenden Mäntel, die mit Telefondraht als Gürtel zusammengebunden waren, wurden sie in langen Marschkolonnen zusammengetrieben. Eine Gruppe Überlebender der 297.ID bekam es mit einem sowjetischen Offizier zu tun, der auf die Ruinen um sie herum wies und sie anbrüllte: 'So wird einmal Berlin aussehen.'"

Die 6. Armee, von der Hitler einst behauptet hat, daß man mit ihr den Himmel erstürmen kann, ist nicht mehr.

Am 2.2.43, als ein Fernaufklärer folgende Meldung an die deutschen Befehlsstellen im Westen funkt, ist es Gewißheit, die ruhmreiche, in vielen Schlachten siegreiche 6.Armee ist mit 250.000 Mann untergegangen:
"Meldung 1711, Fck 1913, 14.06 Uhr:
In Stalingrad keine Kampftätigkeit mehr."

Auf dem Boden bewegen sich endlose Kolonnen von Kriegsgefangenen in die Lager. Insgesamt gehen Schätzungen, die nach dem Krieg erstellt wurden, davon aus, daß etwa 90.000 Deutsche diese Todesmärsche mitmachten. Für viele von ihnen sind bereits die Strapazen dieser kilometerlangen Märsche durch die eiskalte Steppe zuviel. Die meisten sterben jedoch in den folgenden Wochen und Monaten in den den Kriegsgefangenenlagern, die den Namen Lager nicht verdienen. Die Verpflegung sofern überhaupt eine vorhanden ist, ist viel zu wenig, um die ausgemergelten Körper zu ernähren. Die Folge sind Todesraten von einem Prozent und Tag in den Lagern um Stalingrad. Auch wenn durch Schlamperei, manchmal vielleicht auch aus Rache den Gefangenen die Essensrationen vorenthalten werden, sei hier doch angeführt, daß auch die Soldaten der Roten Armee unterernährt sind, vom Zustand der Bevölkerung in der Ruinenstadt Stalingrad ganz zu schweigen. Der Krieg ist noch voll im Gange, die Wehrmacht steht weiterhin tief in Rußland, der Sieg der Rote Armee noch in weiter Ferne. Auch werden bei der sowjetischen Gegenoffensive Gefangenenlager der Wehrmacht erobert, in denen noch viele schlimmere Zustände herrschen (Am Ende des 2.Weltkrieges sieht sich die Deutsche Wehrmacht mit der Schande konfrontiert, daß man mehr als 3 Millionen sowjetische Kriegsgefangene hat einfach verhungern lassen). Es gibt also wahrlich viele Gründe, mit denen man die schlechte Versorgung der deutschen Gefangenen erklären kann.  

Die genauen Verluste der Deutschen Wehrmacht in und um Stalingrad werden sich wohl nie genau berechnen lassen. Man schätzt, daß von den eingeschlossenen 250.000 Mann etwa fünfzigtausend von der Luftwaffe ausgeflogen wurden. Ungefähr 100.000 Mann waren während des Kampfes gefallen, erfroren, verhungert, an Seuchen und anderen Krankheiten gestorben. Von den 90.000, die mehr tot als lebendig, in Gefangenschaft geraten sind, sterben die meisten bereits in den nächsten Wochen und Monaten. Man schätzt, daß vielleicht 6.000 der in Stalingrad gefangenen Soldaten die Heimat wiedergesehen haben. Addiert man die Verluste jener deutschen Verbände, die außerhalb des Kessels mittelbar oder unmittelbar am Geschehen mitgewirkt haben, zu den Verlustzahlen von Stalingrad, dann kommt man auf ungefähr 400.000 Mann. Berücksichtigt man die Verluste der Italiener und Rumänen, die in den vorangegangen Kämpfen zusammengerechnet etwa 300.000 Mann verloren haben, und rechnet man noch die russischen Verluste an Soldaten und Zivilisten dazu, die mehr als eine Million betragen haben, dann kommt man auf eine Zahl, die weit über zwei Million liegt.

Die Schlacht von Stalingrad, die dieser Verbrecher mit dem Namen Hitler anzettelte, hat somit mehr als eine Million Menschenleben gefordert. Der russische Sieg ist zwar teuer erkauft, aber seine psychologische Wirkung auf die Sowjetunion und die Welt markiert die Wende des Krieges und den Anfang vom Ende der Naziherrschaft.


 
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