Brief von Walter Hirschberg


Dokumentart: Brief
Absender: Walter Hirschberg
Absendedatum: 21.6.1984
Absendeort: Wendisch Evern bei Lüneburg
Empfänger: Familie Kaipel

Sehr geehrte Familie Kaipel,

beim Sichten und Ordnen älterer Papiere fiel mir ein Brief vom 23. Mai 1943, der damals an die Familie Hirschberg in Bad Gandersheim, Auf dem Salzberg 2, gerichtet war und den ich in Kopie beilege, weil Sie sicherlich aus der Handschrift ersehen können, wer ihn damals geschrieben hatte.

Ihr Adolf Kaipel war 1939-1940 bei uns als Soldat des Hoch- und Deutschmeisterregimentes im Quartier. Ich war damals 14 Jahre alt, ein Alter, in dem Jungen zu allen Zeiten und in allen Ländern wohl ein besonders aufgeschlossenes Verhältnis zu Soldaten haben. Mit Ihrem Adolf habe ich mich jedenfalls prächtig verstanden. Auch hat er, der gelernte Tischler, mir einen Schiffsrumpf gearbeitet, da ich seinerzeit (und auch später) gern Schiffsmodelle gebastelt habe. Das betreffende Schiffsmodell hat jetzt übrigens mein 15jähriger Enkelsohn! Am  6. Juli werden es 44 Jahre her sein, daß "unser" Adolf sein Leben lassen mußte; die Nachricht von seinem Tode hat mich damals sehr erschüttert  - und heute fragen wir uns oft: Für was wurden die Opfer gefordert und gebracht? Hatte alles einen Sinn und welchen?

Ich selbst wurde 1942 Soldat (Kriegsmarine, Eismeer, britische Gefangenschaft in Belgien - bis 1946), desgleichen mein Vater ab 1943; im Herbst 1943 starben meine Mutter und mein jüngerer Bruder Helmut (vermutlich an einer Lebensmittelvergiftung); meine Schwester überlebte diese Familienkatastrophe, kam zu Verwandten nach Ostpreußen und erlebte dort die Schrecken des Einmarsches der russischen Truppen und später der polnischen Besatzung und Verwaltung, ehe sie 1947 ausgesiedelt wurden.

Seit 1947 bin ich selbst bei der Polizei in Niedersachsen, bin verheiratet, unsere drei Kinder sind erwachsen und vier Enkelkinder zwischen 11 und 17 Jahren bilden schon die nächste Generation. Beruflich habe ich viel erlebt, in vielen Dienststellen gearbeitet und es mit Glück (das auch der Tüchtige braucht) und Einsatz sowie einigem Fleiß bis zum Polizeidirektor (etwa Oberst) gebracht. Im Herbst dieses Jahres werde ich pensioniert.

Mit diesen Zeilen wollte ich Ihnen zeigen, daß vielleicht manches vergessen wird - aber eben nicht alles. Adolf Kaipel - das ist für mich ein nicht unbedeutendes Stück Leben meiner eigenen Jugend; und dafür bin ich ihm für immer eng verbunden.

Ich hoffe, daß Ihnen meine Gedanken nicht gänzlich unwillkommen waren, und verbleibe 
mit freundlichen Grüßen

Ihr Walter Hirschberg. 
 

 
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